Verurteilt zum "Gnadentod"

Bischof Rudolf Voderholzer, Bezirkstagspräsident Franz Löffler, der evangelische Dekan Eckhard Herrmann und Ilse Danziger, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Regensburg (von links), gedachten der Opfer. Bild: ehi
Archiv
Regensburg
05.11.2015
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Mit der "Aktion T4" entledigten sich die Nazis vor 75 Jahren psychisch kranker und behinderter Menschen. Auch aus Regensburg wurden Patienten nach Österreich verschleppt und getötet. Zeit, sich an die Opfer zu erinnern.

Zum 75. Mal jährte sich am Mittwoch der erste Sammeltransport von psychisch kranken und behinderten Menschen aus der damaligen Nervenheilanstalt Karthaus-Prüll zur NS-Tötungseinrichtung Hartheim bei Linz. Insgesamt 642 Patienten wurden von November 1940 bis August 1941 aus Regensburg nach Hartheim deportiert - bis auf einen einzigen wurden sie alle ermordet. Mit einer Gedenkfeier in der Kirche St. Vitus und einer Kranzniederlegung am Bezirksklinikum gedachten gestern Vertreter aus Politik, Kirche und Gesellschaft der Opfer.

"Unnütze Esser"

Grund für die Deportationen war die "Aktion T4" der Nationalsozialisten. Psychisch Kranke und behinderte Menschen wurden als "unnütze Esser" bezeichnet, die aus Sicht des Regimes der Gesellschaft zur Last fallen und deswegen getötet werden müssen. Der Name "T4" leitete sich dabei von der Tiergartenstraße 4 in Berlin ab: Dort war die zentrale Behörde zur Abwicklung dieser staatlich organisierten Morde angesiedelt. Grundlage für die "Aktion T4" war ein Erlass von Adolf Hitler, der bestimmten Ärzten die Vollmacht gab, "nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischer Beurteilung ihres Krankheitszustandes den Gnadentod zu gewähren". Bereits vor dem eigentlichen Beginn der "Aktion T4" wurden zwölf jüdische Patienten aus Karthaus-Prüll in Hartheim ermordet. "Die Krankenmorde haben mit der Ermordung dieser zwölf Juden begonnen", erinnerte Ilse Danzinger, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Regensburg.

"Wir alle haben aufgrund der besonderen Geschichte unseres Landes die dauerhafte Pflicht, uns jeden Tag aufs Neue dafür einzusetzen, dass die Gräuel des Dritten Reichs nie in Vergessenheit geraten oder kollektiv verdrängt werden", betonte Bezirkstagspräsident Franz Löffler bei der Gedenkfeier. Diese war Teil des Gedenkzyklus "Erinnern. Nicht vergessen", den der neugegründete Runde Tisch "Erinnerungskultur in Regensburg" ins Leben gerufen hat.

Sachlich aufklären

Weil es immer weniger Zeitzeugen gebe, sei es zentrale Aufgabe und Verpflichtung der heutigen Generation, neue Formen des Gedenkens zu finden, fuhr Löffler fort. Auf dem Gelände des Bezirksklinikums geschehe das unter anderem durch eine Gedenktafel. Dieses Gedenken sollte jedoch "nicht urteilend oder gar verurteilend, sondern sachlich aufklärend und mahnend" stattfinden, wie der evangelische Dekan Eckhard Herrmann ergänzte. Er griff damit auch die Frage nach denjenigen auf, die es nicht gewagt haben, sich gegen das NS-Regime zu stellen. "Wer weiß, wie wir uns verhalten hätten, wären wir in ihrer Situation gewesen."
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