Virtuelle Vogelspinnen

Höhenangst-Patienten werden in der Hochschulambulanz in einer virtuellen Welt mit ihrer Phobie konfrontiert. Bild: Gibbs
Archiv
Regensburg
07.02.2015
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Die dicke Spinne an der Wand oder das Gefühl der Hilflosigkeit an Bord eines Flugzeugs: Viele Menschen leiden unter Angststörungen. Die neue Hochschulambulanz für Psychotherapie in Regensburg begegnet diesen Ängsten mit Hilfe von virtuellen Realitäten.

Bei der Eröffnung der Hochschulambulanz am Donnerstag war die Höhenangst-Simulation der Renner. Die Besucher standen Schlange, um sich mit Videobrille auf dem Kopf und Controller in der Hand in einer virtuellen Welt auf einen sehr hohen Turm zu begeben. Mit vorsichtigen Schritten testeten sie aus, wie nahe sie sich an das Geländer trauen.

Praktische Alternative

Was für die Besucher eine Spielerei war, ist für Menschen mit echter Höhenangst ein wichtiger Therapieansatz. Das Team um Ambulanzleiter Professor Andreas Mühlberger behandelt Angststörungen unter anderem indem es den Betroffenen seiner Phobie aussetzt. Da nicht immer eine Vogelspinne zur Hand ist, und sich der Therapeut nicht mit jedem Höhenangst-Patienten aufs Hausdach stellen kann, greift das Team auf die virtuelle Realität von Computersimulationen zurück. Das Ziel der Therapie: Indem der Patient immer wieder mit seiner Phobie konfrontiert wird, schwächt sich die Angst langsam ab.

"Wir können komplexe Therapieprozesse sehr kontrolliert im Labor stattfinden lassen", erklärte Dr. Julia Diemer, stellvertretende Ambulanzleitung, die Vorteile der Methode. Neben der Behandlung von Patienten steht in der an die Universität Regensburg angebundenen Ambulanz die Forschung im Mittelpunkt. Die Spezialisten wollen die Konfrontationstherapie noch effektiver machen und mit dem Forschungsschwerpunkt "Virtuelle Realität in der Psychotherapie" Pionierarbeit leisten. Nicht zuletzt können Studenten in der Ambulanz praxisnahe Einblicke in die Psychodiagnostik, die Verhaltenstherapie sowie in Übungsgespräche mit Patienten erhalten.

Aufgebaut hat die Hochschulambulanz Professor Mühlberger, der seit 2012 den Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Regensburg innehat. In seiner Zeit an der Universität Würzburg habe er erlebt, wie wichtig eine solche Einrichtung für die Entwicklung erfolgreicher Therapien ist, sagte Mühlberger. Die Ambulanz trage sowohl zu einer praxisorientierten Forschung und Lehre als auch zu einer verbesserten Versorgung von Patienten in der Stadt und der Region bei. Neben dem Schwerpunkt der Angststörungen behandeln die Therapeuten auch Depressionen, Suchterkrankungen, Ess-, Zwangs- und Persönlichkeitsstörungen. Oberbürgermeister Joachim Wolbergs begrüßte, dass die Attraktivität des Regensburger Psychologie-Studiengangs durch die Ambulanz gesteigert werde.

Fehltage nehmen zu

Auch freute Wolbergs sich über eine Ergänzung der psychotherapeutischen Versorgung in der Stadt. Als Dienstherr von 5000 Beschäftigten sei er mit dem Phänomen konfrontiert, dass die Fehltage von Mitarbeitern wegen psychischer Erkrankungen deutlich zunähmen.

In seiner Festrede bestätigte Professor Paul Pauli, Psychologie-Lehrstuhlinhaber an der Uni Würzburg, diesen Trend. Von 2000 bis 2013 habe die Techniker Krankenkasse ein Plus von 70 Prozent bei den Fehltagen wegen psychischer Erkrankungen festgestellt. Besonders betroffen seien Beschäftigte in Callcentern, in der Altenpflege, der Kinderbetreuung und der öffentlichen Verwaltung. Problematisch sei, dass es durchschnittlich sieben Jahre dauert, bis die Betroffenen sich in Therapie begeben. Zum einen gebe es eine hohe Hemmschwelle, zum anderen schlicht zu wenige Therapieplätze.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.ur.de/psychotherapie
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