"Wirtschaft inklusiv": Unternehmer richten Aufmerksamkeit auf qualifizierte Behinderte - ...
Inklusion kontra Fachkräftemangel

"Wir brauchen jede Fachkraft", betonte Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Bild: Gibbs
Archiv
Regensburg
20.10.2014
35
0
Viele Unternehmer zögern, Menschen mit Handicap einzustellen. Wie leistungsfähig sind sie? Wie ist der Kündigungsschutz geregelt? Drei ostbayerische Firmenvertreter berichteten am Freitag in Regensburg, warum sie sich einen Betrieb ohne behinderte Menschen nicht mehr vorstellen können.

Ein Jahr lang war Reinhard Rieger vom Regensburger Sanitätshaus Marx/Rieger bundesweit auf der Suche nach einem Orthopädie-Schuhmachermeister. Dann endlich fand sich ein geeigneter Bewerber aus Dortmund. Es stellte sich heraus, dass dieser ein körperliches Handicap hatte, doch bei der viertägigen Probearbeit war das überhaupt kein Problem. Rieger stellte den 58-Jährigen ein und hat es bis heute keine Minute bereut.

Bei der Entscheidung half Rieger ein Beratungsgespräch mit den sogenannten "Inklusionslotsen". Im Zuge des bundesweiten Projekts "Wirtschaft inklusiv" informieren diese Lotsen kleine und mittelständische Unternehmen über ihre Rechte und Pflichten als Arbeitgeber von behinderten Menschen. Auch über finanzielle Fördermöglichkeiten vonseiten des Staats klären die Lotsen auf. Die offizielle Auftaktveranstaltung von "Wirtschaft inklusiv" in Bayern fand am Freitag in Regensburg statt.

Ziel des von der "Bundesgemeinschaft ambulante berufliche Rehabilitation" initiierten Projekts ist es, Unternehmen für die Beschäftigung und Ausbildung behinderter Menschen zu gewinnen. Einer, der genau das seit Jahren tut, ist Josef Brunner, Geschäftsführer der Blechverarbeitungsfirma RO/SE im niederbayerischen Bad Birnbach. Über 50 Prozent seiner 33 Mitarbeiter haben ein Handicap. Ist das unternehmerisch sinnvoll? "Ein Unternehmer hat bei jeder Einstellung ein Risiko", findet Brunner. In seiner Firma jedenfalls erfüllen die behinderten Mitarbeiter ihre Aufgaben derart gut, dass sie drei von vier Abteilungsleiterposten besetzen. Brunners Credo: "Völlig egal, ob mit oder ohne Behinderung: Die Leistung zählt."

Einstieg vereinfachen

Überzeugt vom Inklusionsgedankten zeigte sich auch Bettina Karg, Ausbildungsleiterin des Masten-Herstellers Europoles (1500 Mitarbeiter) mit Sitz in Neumarkt. "Wir wollen den Einstieg für Menschen einfacher machen, die es im Leben schwerer haben", sagte sie. Da es in Deutschland generell schwer sei, ohne eine abgeschlossene Lehre Fuß zu fassen, sei es wichtig, junge Menschen mit Handicap auszubilden.

Die Arbeit der Inklusionslotsen beschrieb Karg als sehr hilfreich. Bei Europoles seien taubstumme und gehörlose Mitarbeiter in der Reinigung sowie in der Produktion beschäftigt. Die Inklusionslotsen regten an, für sie bei der nächsten Betriebsversammlung einen Gebärdendolmetscher zu engagieren, dafür gebe es finanzielle Hilfen. "Die Kostenerstattung lief sehr unbürokratisch ab", freute sich Karg.

Auch Ralf Holtzwart, Chef der Bayerischen Arbeitsagenturen, begrüßte, dass die Inklusionslotsen den Unternehmen dabei helfen, Licht in den Förderdschungel zu bringen. Insgesamt würden Menschen mit Handicap vermehrt in den Fokus der Firmen rücken, betonte Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW). "Wir brauchen jede Fachkraft", sagte er mit Blick auf den demografischen Wandel. Viele Bewerber mit Behinderung seien gut oder sehr gut qualifiziert, oftmals zudem hochmotiviert.

Nicht unkündbar

Mit einem Mythos räumte Ministerialdirektor Michael Höhenberger auf, der die kurzfristig verhinderte bayerische Sozialministerin Emilia Müller vertrat. Dass Behinderte unkündbar sind, sei nicht richtig. Zum einen trete der besondere Kündigungsschutz erst nach sechs Monaten in Kraft. Zum anderen würden die zuständigen Integrationsämter in 80 Prozent der Fälle einer Kündigung zustimmen, so dass sie gültig ist. Höhenberger appellierte an die Unternehmen, Menschen mit Handicap eine Chance zu geben. "Nur wenn behinderte Menschen in die Arbeitswelt integriert sind, genießen sie die Anerkennung, die sie brauchen."

Um Kontakt mit den Inklusionslotsen aufzunehmen, können sich interessierte Unternehmer unter E-Mail bayern@wirtschaft-inklusiv.de melden.
Weitere Beiträge zu den Themen: Themen des Tages (14863)Oktober 2014 (9309)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.