Ausstellung "Tracht im Blick - die Oberpfalz packt aus"
Die Heimat auf der Haut

Das Tragen von Tracht bedeutet Identifikation mit der eigenen Herkunft, ein Stück Heimat auf der Haut.
Kultur BY
Regensburg
04.03.2016
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Gerade in Zeiten der Globalisierung entfalten Trachten eine besondere Anziehungskraft.
 
Die Ausstellungen zeigen Objekte, die unser tradiertes Bild von Dirndl und Lederhose um regionale Eigenheiten bereichern.

Gerade in Zeiten der Globalisierung entfalten Trachten eine besondere Anziehungskraft. Sie sind die regionale Antwort auf das Weltkarussell der Mode. Ob der starke Wunsch unserer mobilen Gesellschaft nach Identität dahintersteckt? Eine Ausstellungsserie in der Oberpfalz will diesem Phänomen nachgehen.

Von Peter Geiger

Der große bayerische Dichter Oskar Maria Graf war nicht nur ein Gefangener und ein Getriebener, er war auch ein Vertriebener. Einer, der sich dem Zugriff der Nationalsozialisten nur durch Flucht nach Amerika zu entledigen wusste. Im New Yorker Exil brachte er lange einsame Jahre bis zu seinem Lebensende 1967 zu. Seiner Sehnsucht nach Bayern verlieh der am Starnberger See geborene Bäckerssohn Ausdruck auf ganz eigene, urwüchsige Art: In der amerikanischen Öffentlichkeit, da trat er nämlich stets in Tracht auf. Weißes Leinenhemd. Kurze Lederhosen. Janker, und den Hut mit den Federn am Kopf. So trug er sein Heimweh auf der Haut.

Enorme Wirkung


An einer Stelle in seinen Erinnerungen schildert Oskar Maria Graf, dieses ansehnliche Riesenmannsbild, welchen Eindruck er auf diese Weise bei seinen amerikanischen Mitbürgern erregte: "Es war, als erschiene ein Geist." Ja, die Wirkung der Tracht, sie ist enorm. Das haben sich wohl auch die Macher der Ausstellungsreihe "Tracht im Blick - die Oberpfalz packt aus" gedacht, als sie für insgesamt neun Museen der Oberpfalz ein Konzept entwickelten, um den Geist der Tracht, die Wirkung von Dirndl, Lederhosen und all dem anderen, was dazu gehört, zu beschwören.

Oskar Maria Grafs Bayern war den nationalsozialistischen Barbaren in die Hände gefallen. Die Tracht verhalf ihm, dem Schriftsteller, die Erinnerung an das Land seiner Kindheit und Jugend zu bewahren. Innerhalb der Kulturgeschichte der Kleidung bildet die Tracht die, wenn man so will, entscheidende Ausnahme: Denn ihre Existenz verdankt sie der Behauptung der Unwandelbarkeit. Während alle anderen Körpertextilien Einflüssen und somit dem Wechsel der Moden unterliegen, trägt sie, die Tracht, das Versprechen einer "guten alten Zeit" in sich, die Verheißung, dass Kleidung eine Anbindung an Verlorengegangenes herzustellen vermag.

Trotz aller Standhaftigkeit gegen die Zumutungen des Zahns der Zeit hat die Tracht aber ihrerseits eine Geschichte - und an ihrem Anfang stand etwas, was man durchaus als geisterhaft bezeichnen darf: Sie beruht nämlich weitgehend auf Erfindung. 1806, das Kurfürstentum der Bayern war soeben von Napoleon zum Königreich geadelt worden, da fehlte es den hier lebenden Altbayern, den Schwaben, den Franken und den Pfälzern an gemeinsamen Symbolen.

Oktoberfest-Gründung


Zur Hebung des gemeinsamen Nationalgefühls begründete König Max I. Joseph deshalb das Münchner Oktoberfest. Doch damit nicht genug: Zugleich war dies die Geburtsstunde staatlicher Trachtenpflege, deren Anliegen es war, dem neu zugeschnittenen Territorium mittels regionaler Kleidung ein Gesicht zu geben. Dabei bediente man sich - mangels verbürgter historischer Vorbilder - einer Fantasiekleidung, die wir heute ganz selbstverständlich als Versinnbildlichung von Tradition, Heimat und Zugehörigkeit begreifen. Während sich ab dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts, angetrieben von Dampfmaschine und Elektrizität, in rasantem Tempo jene Welt entwickelte, die wir auch heute noch als die Moderne bezeichnen, ging im Gegenzug das Alte den Bach hinunter. Die Welt der Dörfler, die Übersichtlichkeit, die Abgezirkeltheit - sie waren passé. Alles Ständische und Stehende verdampfte, alles Heilige wurde entweiht - und enorme Städte entstanden als Manifestation dieses Wandels. Im Gegenzug (ja, vielleicht sogar: im selben Atemzug?) aber etablierte sich eine Welt des Konservativen, ein Streben danach, das, was soeben zerstört wurde und im Pulverdampf der Geschichte aufgegangen war, zu bewahren.

Weisung erlassen


Eindrücklich führt dies eine Ankündigung aus dem August 1853 vor Augen, die im "Fremden-Blatt" im Vorgriff auf das Oktoberfest von amtlicher Seite veröffentlicht wurde: "In Baiern wurde kürzlich höheren Orts die Weisung erlassen, daß auf die Erhaltung der eigenthümlichen ländlichen Trachten, die mehr und mehr durch die modernen für den Landmann häufig unpraktischen Anzüge verdrängt werden, geeignete Rücksicht zu nehmen sei. Dieser Weisung dürfte alsbald eine praktische Folge bevorstehen, denn das landwirtschaftliche Komité in Regensburg hat die verschiedenen Bezirkskomités aufgefordert, daß bei dem diesjährigen Oktoberfest in München Abgesandte aus den verschiedenen Gauen in ihrer eigenthümlichen ländlichen Tracht erscheinen und namentlich die, die Preisthiere vorführenden Individuen in das hergebrachte Nationalkostüm gekleidet seien."

Besonders beliebt sollen die Preisverteilungen des eingangs schon erwähnten Königs Max I. Joseph gewesen sein: Denn ihm kam es wohl nicht so sehr darauf an, die schönste der Sennerinnen, die die Preistiere führte, derb in den Arm oder in die Wangen zu kneifen. Nein, ihm wurde nachgesagt, sein Interesse gelte weit mehr der Augenweide, nämlich jenen in der bunten Tölzer oder Tegernseer Tracht so lieblich anzuschauenden "Deandln".

Wie eine Renaissance


Es gab aber auch eine Zeit, da trugen die "Deandln" (und ebensowenig ihr Oberpfälzer Pendant, die "Moidln") keine Tracht mehr. Und die Boum genauso wenig. Dirndl, Lederhosen (ja, überhaupt, alles was mit Tracht und Heimat zu tun hatte) hatten den Kürzeren gezogen gegen Elvis, die Stones und die Beatles, sie standen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts im Ruf von jenen Talaren, in denen sich sprichwörtlich der Muff von tausend Jahren gehalten hatte. Aber irgendwann um das Millennium herum, da entwickelte sich so etwas wie eine Renaissance der Tracht: Hatte vielleicht ein Mix aus Wiedervereinigung, Globalisierung und der historischen Distanz zu jenen, die den Begriff der Nation so beschmutzt hatten, dafür Sorge getragen?

Opulente textile Welt


Wer sich in den kommenden Monaten in den Museen der Oberpfalz umschaut, wird eine opulent ausgestattete textile Welt entdecken und kann eintauchen in ein Universum des Bizarren und des Galanten, des Volkstümlichen und des Bürgerlichen. Dabei widmet man sich der historischen Trachtenforschung ebenso wie einzelnen Kleidungsstücken (Kopfbedeckungen, Wäsche, Strümpfe, Dirndl, Gwand, Trachtenzubehör). Oder man fragt danach, inwieweit die Tracht als Zeichen, ja, vielleicht sogar als Heimat auf der Haut betrachtet werden kann? Egal, wie man's wendet: Wenn sie auspackt, die Oberpfalz, dann gerät nicht nur die Tracht in den Blick. Sondern auch die Geister unserer Geschichte.

Auch wenn die beiden Oberpfälzer Originale schwarz-weiß daherkommen - die Objekte der einzelnen Ausstellungen vermögen durch Farbenpracht und Formenreichtum zu begeistern.

Tracht im BlickOberpfälzer Freilandmuseum Neusath-Perschen: "Dirndl, Gwand und Heimatkleid". Vom 12. März bis 30. Oktober.

Stadtmuseum Weiden: "Trachtenzubehör aus der Oberpfalz und dem Egerland". Vom 14. März bis 25. August.

Wallfahrtsmuseum Neukirchen bei Hl. Blut: " Tracht betrachtet: Waldschmidt, Oskar von Zaborsky und der "Ostmark-Onkel". Vom 7. April bis 3. Oktober.

Historisches Museum Regensburg: "Heimat auf der Haut - Tracht in der Oberpfalz". Vom 10. April bis bis 10. Juli.

Stadtmuseum Schwandorf: "Unten drunter geblickt auf Wäsche und Strümpfe ...". Vom 15. April bis 11. September.

Stadtmuseum Nittenau: "Alles reine Kopfsache!?" Vom 30. April bis 2. Oktober.

Oberpfälzer Volkskundemuseum Burglengenfeld: "Der Blick auf die Tracht - Kleidung als Zeichen". Vom 15. Mai bis 21. August.

Stadtmuseum Sulzbach-Rosenberg: "Oh Kirwa lou net nou - Kirchweih und Tracht in und um Sulzbach-Rosenberg". Vom 20. Mai bis 18. September.

Stadtmuseum Neumarkt: "s' GWandel: Trachten einst und heute - eine Bestandsaufnahme." Vom 10. Juni bis 25. September.

Weitere Informationen:

www.tracht-im-blick.de
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