Bewegungskünstler bahnen sich ihren Weg durch Regensburg
Immer auf dem Sprung

Fast scheint es, als würde die Schwerkraft für sie nicht gelten: Parkour-Sportler aus Regensburg trainieren oft jahrelang für diese "Leichtigkeit". Bild: Verein Parkour Regensburg
Kultur
Regensburg
15.07.2016
374
0
 
Kraft, Ausdauer und Konzentration. Bis die Bewegungen so fließend und leicht aussehen, bedarf es viel schweißtreibener Arbeit und Willensstärke. Bild: Buchfelder
 
Höhenangst? Fehlanzeige! Neben Mut braucht es eine große Portion Selbsteinschätzung, um sich sicher den "effektivsten und schnellsten" Weg durch die Stadt bahnen zu können. Bild: Verein Parkour Regensburg

Junge Männer springen scheinbar federleicht von Steinmauer zu Steinmauer, balancieren auf eisernen Treppen-Geländern und ziehen sich meterhohe Wände hoch. Es sind skurrile Szenen, die sich am Ufer der Donau in Regensburg abspielen. Dass sich dahinter ein lange trainierter Leistungssport verbirgt, weiß kaum jemand.

Irritierte Blicke, Kopfschütteln. Immer wieder drehen sich Passanten nach den Parkour-Sportlern um, die am Donauufer ihre schwerelos wirkenden Bewegungen trainieren. "Das ist doch gefährlich. Warum macht man sowas?", empört sich ein Mann. Für Max Rieder, Vorsitzender des Vereins "Parkour Regensburg" sind solche Szenen nicht neu.

"Wir erleben das ständig. Die Leute finden den Sport befremdlich, gefährlich und denken, wir machen die Stadt damit kaputt. Parkour ist aber genau das Gegenteil." Rieder distanziert sich mit seinem neu gegründeten Verein klar von diesem Vorurteil. "Wir sind keine Adrenalin-Junkies, die über Hausdächer springen. Erst, wenn wir wissen, wie wir Risiken und Gefahren vermeiden können, wagen wir uns an die Sprünge." Deshalb definiere er Parkour nicht als Extremsport, sondern als Leistungssport.

Doch nicht nur das. Es ist auch eine Lebenseinstellung für den 28-Jährigen. "Präzisionssprünge, Balancieren, Klettern und Schwingen. Wir versuchen mit fließenden Bewegungen, effektive und schnelle Wege - beispielsweise durch die Innenstadt - zu finden. Wir benutzen im Alltag Treppen, ohne darüber nachzudenken, wie man das Hindernis anders überwinden könnte."

Auch Schwimmen zählt der Sportler zu Parkour. "Wenn eine Brücke 500 Meter entfernt ist, dann wäre es doch der einfachste Weg, einfach durch den Fluss zu schwimmen." Kreativ neue Wege entdecken. Lösungen für scheinbar ausweglose Situationen finden. "Eine Einstellung, die wir auch in unserem sonstigen Leben anwenden." Dabei kann so gut wie alles als "Sportgerät" genutzt werden - vom einfachen Treppen-Geländer bis hin zu einem fest betonierten Straßen-Pfosten.

Freiheit ohne Normen


Der 28-jährige Pädagoge ist seit elf Jahren in der Parkour-Szene aktiv. Davor spielte er jahrelang Fußball. "Dabei habe ich mich viel öfter verletzt. Ich erinnere mich noch an Beinbrüche, Prellungen und offene Wunden. Das ist mir bei Parkour noch nicht passiert." Warum er sich für den Ausnahmesport entschieden hat? "Die Freiheit. Es hat mich fasziniert, mich entfalten zu können - ohne Vorschriften."

Vier mal pro Woche trainiert Rieder - in der Turnhalle, meistens aber in der Stadt oder der Natur. Auch andere Oberpfälzer suchen nach dieser "Freiheit". Das belegen die Mitgliederzahlen des "Verein Parkour". 165 hauptsächlich junge Sportler engagieren sich dort. "Die Nachfrage ist so groß, dass wir die Leute teilweise wieder heimschicken müssen, weil wir keinen Platz haben." Beim Parkour gibt es eine goldene Regel, auf die Rieder besonderen Wert legt: "Im ersten Jahr sollte man nirgendwo runter springen, wo man nicht auch hochspringen kann. Alles andere halten Knie und Muskulatur nicht aus. Dafür fehlt einfach die Übung und auch die Fitness."

Der 16-Jährige Johannes Gügel ist eines dieser Mitglieder. Er steht am Rande des Donauufers. Konzentriert blickt er auf das Hindernis, das er überwinden will: eine etwa drei Meter hohe Steinmauer. Johannes läuft an, beschleunigt schnell. Er springt ab und zieht sich beinahe mühelos an der Wand hoch. "Für mich ist es keine normale Sportart. Es ist viel, viel mehr. Wir haben noch Großes mit unserem Verein vor", betont der 16-Jährige, der mittlerweile einen Trainer-Posten übernommen hat. "Wirklich jeder kann das machen, auch ältere Leute, die ihnen Körper fit halten wollen."

Individuell wachsen


Perfektion sei in dieser Sportart nur schwer zu erreichen, betont Rieder. Doch darauf komme es nicht an, denn Perfektion und Wettkampfdenken hätten in der "Philosophie des Parkours" nichts verloren. "Uns geht es darum, sich individuell zu verbessern, dadurch aber nicht in Konkurrenz mit anderen zu treten.

Niemand werde als schlechter oder besser als der andere angesehen. Vielmehr unterstütze man sich gegenseitig. "Wir machen unsere Sprünge auch nur, wenn wir 100 Prozent davon überzeugt sind, dass wir es schaffen." Eine Voraussetzung, die das Risiko enorm minimiere.

"Sperrzonen" gibt es im Regensburger Stadtgebiet für die Leistungssportler bislang nicht. Damit das auch so bleibt, beschwört Rieder die Vereinsmitglieder immer wieder, sich an einige Regeln zu halten: "Wir gehen niemals auf Privatgrundstücke oder Baustellen. Außerdem testen wir vorher, ob Gegenstände fest verankert sind. Sind sie es nicht, fassen wir sie nicht an. Wir wollen nichts kaputt machen." Ein weiterer Grundsatz des Parkour: "Achte deine Umwelt und pass dich ihr an", erklärt Rieder. "So vermeiden wir Probleme mit dem Ordnungsamt und können unseren Sport leben."

Rieder weiß auch durch einen privaten Schicksalsschlag, wie wertvoll die Leitlinien des Parkour-Sports für das Leben sein können. Vor vier Jahren starb die Mutter des 28-Jährigen - eine "nicht in Worte zu fassende Tragödie" für den jungen Mann. "Parkour hat mir unglaublich geholfen, den Schock besser zu verarbeiten." Diese Erfahrung möchte er an andere weitergeben. "Ich finde es super zu sehen, wie sich junge Menschen durch den Sport entwickeln, motiviert sind, Dinge in ihrem Leben anzupacken und sich selbst voran bringen."

Der 28-Jährige hat große Pläne für seinen Verein. In naher Zukunft soll eine Parkour-Arena entstehen, in der die Sportler genug Platz und Übungsgeräte haben, um sich für das Training in der Natur fit zu machen. "Man kann Menschen nicht von Parkour überzeugen. Man muss es selbst für sich entdecken, praktizieren und leben. Durch die neue Halle könnten wir diese Möglichkeit noch mehr Jugendlichen bieten."

Eine Sache liegt dem Pädagogen besonders am Herzen. Durch verstärkte Öffentlichkeitsarbeit möchte er den Bürgern zeigen, was sich hinter dem Sport wirklich verbirgt - "weg von all den Vorurteilen".

Bei Parkour gehen wir keine Extreme oder unnötige Risiken ein. Wir trainieren hart und wissen, was wir uns zutrauen können.Max Rieder, Vorsitzender des Vereins "Parkour Regensburg"



"Gemeinsam Wachsen, Perspektiven geben"Die ersten lokalen „Tracteure“, wie sich die Parkour-Sportler nennen, trafen sich erstmals 2008 zu gemeinsamen Trainingsrunden in Regensburg. Die Nachfrage stieg enorm, „deshalb gründeten wir 2012 einen gemeinnützigen Jugendverein, um dem Sport einen professionellen Rahmen zu geben und rechtliche Schwierigkeiten zu vermeiden“, erklärt Vorsitzender Max Rieder.
Ziel des Vereins ist die „Ausübung, Förderung und Repräsentation“ der Bewegungskunst Parkour. Zudem leisten die Mitglieder Öffentlichkeitsarbeit, um Vorurteile, die „immer noch bei vielen Menschen verankert sind“ auszuräumen.

„Wir wollen Jugendliche durch Parkour motivieren, ihre persönlichen Ressourcen und Stärken zu erkennen und sie zu fördern“, betont Rieder. Aus diesem Grund veranstaltet der Verein Parkour Regensburg erstmals vom 1. bis 5. August ein einwöchiges Ferienprogramm. Unter professioneller Betreuung werden Interessierte ab in die Welt von Parkour und Freestype-Akrobatik begleitet. Das besondere Highlight: Eine Airtrack – ein spezielles Luftkissen – wird zum Einüben von Salti und akrobatischen Elementen verwendet. „Die Teilnehmer sollen die Sportart auf spielerische Art und ohne Leistungsdruck kennenlernen.“


Weitere Informationen finden Sie hier:

www.parkour-regensburg.de
www.adventure-movements.de/ferienprogramme
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.