"Blick zurück": Jürgen Huber stellt in der Ost-West-Galerie Knyrim Werke aus den vergangenen ...
Politik der Bilder

Als Umweltbürgermeister wirkt Jürgen Huber mit der Kraft der Tinte darauf hin, dass Regensburg ökologisch nachhaltig gestaltet wird. Die Ideen aber, die er lange Jahre als gesellschaftlich engagierter Maler und Gruppengründer formulierte, dienen ihm bis heute als Kreativitäts-Quell. Bild: Geiger
Kultur
Regensburg
09.11.2015
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Kunst und Politik haben etwas miteinander zu tun? Und wenn ja, wie viel? Schon einiges, würde Jürgen Huber, Maler und Bürgermeister in Regensburg, dazu antworten, wenn man ihn denn fragte. Man braucht ihn aber gar nicht aus der Reserve zu locken, denn bei der Eröffnung der Ausstellung "Blick zurück" ist es Joachim Wolbergs höchstpersönlich, der dem Kollegen die Lizenz zum Weitermalen verweigert: "Ich müsste ihm das ja als Nebentätigkeit genehmigen."

Die Verwendung des oberbürgermeisterlichen Konjunktivs als höchste Steigerungsform des Irrealis aber signalisiert jedem der Anwesenden, hier in der rammelvollen Ost-West-Galerie Knyrim im Herzen der Stadt Regensburg: Dass er überhaupt keine Chance hätte, der Jürgen Huber, wenn er an seinen Chef ein solches Ansinnen adressierte. Denn als dritter Bürgermeister ist er schließlich auch Umweltreferent, und als solcher hat er sich beispielsweise ums Stadtgartenamt und um die Müllabfuhr zu kümmern. Und bald auch wieder um den Winterdienst.

Umso erleichterter scheint der 61-Jährige, nunmehr ums Präsens beraubte Künstler zu sein, dass er hier, angesichts der Präsenz von Freunden und langjährigen Wegbegleitern, wenigstens auf seine Vergangenheit und somit auf seine Jahre als Maler einen Blick werfen darf. Weil sich aber ein Mensch und seine Berufungen nicht voneinander lösen lassen wie ein Abziehbild von der Folie, spricht aus Huber, wenn er dem Publikum einen kurzen Einblick ins eigene Oeuvre gewährt, dann doch der Künstler - freilich mit der deklamierenden Stimme des Politikers: Und dieses Doppelwesen lobt, dass Regensburg heute "so ausdifferenziert" ist, dass diese an Talenten so reiche Stadt sich nicht nur vorbildlich um Flüchtlinge zu kümmern vermag, sondern auch "einen wie mich" erträgt. Einen, der mit seiner Kunst "Wahrheiten in Frage stellt" und "Ironie und Komisches produziert".

Ein bunter Hund

Komisch? Naja, das mag schon sein, dass Huber in den späten 1970er Jahren noch so einer war, der der damaligen Mehrheitsgesellschaft als Paradiesvogel und bunter Hund erschien. Es war aber auch die Zeit, die nach solchen Figuren verlangte, als er hier, nach Zwischenstopps in London, Mailand und Berlin, aufschlug. Er, der gebürtige Altenstädter, trug bald als Menschenfänger dazu bei, dass sich die allenfalls auf dem Papier als Metropole verstehende graue Stadt im Schatten des Doms zu etwas Neuem entwickeln konnte. Die kleine Welt, sie brauchte Impulse und auch Stromstöße. Und sollte sie bald erhalten, von in Reihe geschalteten Künstlern und Nachdenkern etwa. Verantwortlich dafür war eben dieser Neuzugang, dieser Jürgen Huber, weil er sich nicht nur als ein im Atelier praktizierender Einzelgänger begriff. Er konnte diskutieren und Beiträge einspeisen in das, was man Diskurse nannte. Vor allem aber wusste er, der Transformator, wie man Kreise bildet - Kraftfelder, die von ihm magnetisch zusammengehalten wurden. Als Gruppen-Gründer berief er sich dabei auf Vorgänger wie "CoBrA" und "S.P.U.R." (deren Mitglieder zum Teil ebenfalls aus Ostbayern stammten), wenn er selbst Fundamente schuf: für eine Druckerei ebenso wie für das Künstlertrio "Warum Vögel Fliegen" und später, schon in den Nullerjahren, für den Kunstverein "GRAZ". Womit aber trotzdem nur zum Teil erklärt wäre, warum der Keim seiner Kunst aufgehen konnte.

34 Arbeiten

Als dominant sollte sich sein bildnerischer Wille zum Wilden und zur Farbexplosion erweisen, sein freimütiges Bekenntnis, nicht nur Formen und Konventionen seiner Gegenwart im Hinblick auf eine urbanere, großstädtischere Zukunft hin zu sprengen. Genau das aber zeigt diese kleine, eine halbe Lebensspanne umfassende Schau von 34 Arbeiten in der Ost-West-Galerie. Und legt damit Zeugnis ab, wie Huber über drei Jahrzehnte den Boden bereitete - dafür, dass Regensburg heute nicht nur eine boomende Stadt ist, sondern auch ein Gemeinwesen, das sich aus den Erträgen der Kulturwirtschaft zu nähren weiß. Und so wird aus dem Bild, das Huber verknöcherter Politik einst vorhielt, am Ende, in der Gegenwart des Jahres 2015, seine Politik der Bilder.
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