Cleveland-Orchestra und Franz Welser-Möst eröffnen 30. Odeon-Saison in Regensburg
Sel'ges Schwelgen im Gipfelglück

Kultur
Regensburg
28.10.2015
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Ein gewaltiges Partiturgebirge tut sich auf. Dementsprechend die Besetzung. Mit orchestralem Großaufgebot - Orgel, Donnerblatt und Windmaschine inklusive - geht es dem Gipfel zu. Vorbei an Wasserfall und Alm-Idylle, mitten hinein in die Unwetterfront. Doch das ficht die Damen und Herren aus Cleveland nicht an. Mit sicherem Tritt geht einer voran. Umsichtig und mit geschärftem Blick, der weit über den Notentext hinausgeht.

Kein Pultstar

"Reflexion!" lautet die Losung eines außergewöhnlichen Abends, mit dem die Odeon-Konzertreihe im Audimax in die 30. Saison startet. Erstmals in Regensburg zu Gast, das Cleveland-Orchestra unter Leitung von Franz Welser-Möst. Seit 2002 ist der Österreicher Chefdirigent dieses Orchesters, das in Amerika zu den "Big Five" gehört. Ein Mann mit hohem künstlerischen Anspruch, den er an diesem Abend mit Mozarts Jupiter-Sinfonie und der "Alpensinfonie" von Strauss eindrucksvoll unter Beweis stellt. Eindrücklich aber auch seine Worte kurz vor Schluss. Die Kritik am Programmheft verbunden mit seiner Sicht der Dinge. Mozarts Finalsatz als die "höchste Kunst, die der menschliche Geist je hervorgebracht hat", die Alpensinfonie als Sinnbild des menschlichen Lebens. "Das ist Philosophie, Reflexion!". Es ist wohl dieses tiefgründige Nachdenken über die Musik verbunden mit dem genauen Blick in die Partitur, was seine Interpretationen auszeichnet.

Dabei ist Welser-Möst beileibe nicht der Pultstar, den viele vielleicht erwartet haben. Ohne effekthascherische Gesten sein Dirigat, gefasst und sachlich. Unangestrengt tritt bei Welser-Möst zutage, was der Komponist geschrieben hat. Nicht mehr und nicht weniger. An diesem Abend sind es die vielen Details und Feinheiten in Mozarts letzter Sinfonie C-Dur, KV 551.

Was in den Klangexzessen historisch Informierter oftmals untergeht, plötzlich leuchtet es auf, unspektakulär, ganz selbstverständlich. Gleiches gilt für die "Alpensinfonie" von Richard Strauss, die sich an diesem Abend nicht nur auf die Bilderwucht, auf die "big moments" konzentriert. Im Visier das große Ganze, dessen Strukturen Welser-Möst fest im Blick hat. Klar, straff und spannungsvoll gestaltet er den Aufstieg, verzettelt sich nicht im Illustrativen, gestattet aber auch sattsam sel'ges Schwelgen der Streicher im Gipfelglück.

Exzellente Solisten

Übrigens, ein Streicherklang zum Hineinlegen. Warm, weich, elegant fließend. Und auch die Bläser begeisterten. Vor der Pause mit kammermusikalischer Sorgfalt, bei Strauss mit exzellenten Solisten, leuchtender Präsenz und Klangdisziplin. Der Orchesterklang geschmeidig homogen. Für die New York Times "das beste amerikanische Orchester". Wohl verdient der langanhaltende Schlussapplaus. Als "Betthupferl" eine kleine Mondscheinmusik aus "Capriccio" von Richard Strauss.
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