Der "Leere Beutel" in Regensburg zeigt "Flipflop"-Arbeiten von Annette Lucks
Im Strudel der Vergangenheit

In ihren Arbeiten greift Annette Lucks ihre Kindheitserinnerungen an Flucht und Fremde auf und erlangt damit frappierende Aktualität. Repro: Wolke
Kultur
Regensburg
07.10.2015
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"Flipflop." Der Ausstellungstitel klingt nach beschwingter Leichtigkeit. Doch der Eindruck täuscht. Die Bilder, Zeichnungen und Keramiken von Annette Lucks sind anders. Zarte Farbigkeit kommt hier zwar immer wieder vor. Das Rosa aber, das die Künstlerin gerne ins Bild bringt, wird ausgebremst von dem anderen: Düstere Gestalten, Fratzen, beunruhigendes Gewimmel - die Arbeiten von Lucks faszinieren und verstören.

Ein Flüchtlingskind

Eine reiche Auslese Lucks'scher Formenvielfalt ist nun in Regensburg zu sehen. Dort zeigt die Städtische Galerie im "Leeren Beutel" Gemälde, Zeichnungen und Keramik. Lucks ist eine Tochter der Stadt. 1952 wurde sie in Regensburg geboren. Die Beziehung zum Ort ihrer Kindheit schildert sie als ambivalent. Regensburg ist für sie Heimat und Fremde zugleich. Denn: Annette Lucks war auch ein Flüchtlingskind. Ihre Eltern mussten im Zuge des Zweiten Weltkrieges fliehen. In der Kaserne im Stadtosten, in dem das Mädchen Annette aufwuchs, lernte sie das "sich fehl am Platz fühlen" kennen.

"Flüchtling", "Fremd" oder "Weltwaise" heißen einige ihrer Bilder. Dass die Arbeiten im "Leeren Beutel" hängen, verleiht der Ausstellung eine in dieser Brisanz kaum vorhersehbare und dabei umso frappierendere Aktualität. Was heute politisches Tagesthema ist, bedeutet für Lucks Kindheitserinnerung. Ohne diese wäre das Werk der Künstlerin nicht denkbar, schreibt Carla Schulz-Hoffmann in einem Begleittext. Die Kunsthistorikerin spricht von "ungewöhnlich dichten, beglückenden, manchmal jedoch auch beklemmenden Erlebnissen". Im Werk Lucks' verbänden sich diese in verschlungenen Märchen- und Traumwelten.

Volkstümliche Kunst

So ist es: In einem Sog aus Farben, Gesichtern und Requisiten einer längst vergangenen Zeit ziehen die Bilder den Betrachter in den Bann. Stilistisch erinnern die Arbeiten mal an die luftigen Gestalten eines Marc Chagall, mal an die Masken eines James Ensor.

Mit beiden Künstlern hat sie die Hinwendung zum Volkstümlichen gemein - und zwar zur Darstellung einer bäuerlichen dabei aber von christlicher Frömmigkeit geprägten Kultur. Ein Formenschatz, der sich in Bildern wie "Eisheilige", "Tod und Genesung" oder "Nothelfer" niederschlägt - aber auch in den nicht weniger bewegten weil üppig bemalten Keramiken wie dem "Tränenkrug".
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