Der neue Bruder Grimm

Erika Eichenseer aus Regensburg hat dem Oberpfälzer Volkskundler und Märchensammler Franz Xaver von Schönwerth zu internationalem Erfolg verholfen. Dessen Märchenschatz verbreitet sich derzeit in Indien, Italien, Estland, Australien, Spanien und Südafrika. Mittlerweile gibt es sogar Audio-CDs auf Englisch. Bild: Wolke
Kultur
Regensburg
20.08.2015
27
0

Hollywood jedenfalls hat eine Absage bekommen. Ein Anruf in der Oberpfalz brachte der amerikanischen Traumfabrik nicht den erhofften Stoff. Die bei den einfachen Leuten gesammelten Märchen und Sagen als Plot für eine Science-Fiction-Adaption? Dafür war Erika Eichenseer "ihr Schönwerth" zu schade.

"Ihr Schönwerth" - Für die pensionierte Lehrerin aus Regensburg ist der Oberpfälzer Volkskundler Franz Xaver von Schönwerth tatsächlich zum ganz speziellen Schützling geworden. Seit Längerem schon hat sich Erika Eichenseer des bis dahin nur in Fachkreisen mäßig bekannten Sammlers zu Volkskultur und Brauchtum angenommen. Dass in jüngster Zeit eine regelrechte Begeisterung für Schönwerth ausgebrochen ist - und zwar nicht auf Oberpfälzer, sondern auf internationaler Ebene -, überrascht Eichenseer und ihren Mann, den ehemaligen Bezirksheimatpfleger Adolf Eichenseer selbst.

Zündender Moment war dabei die Veröffentlichung der Märchensammlung "Prinz Roßzwifl" im Schönwerth-Jahr 2010. Im Auftrag der Regensburger "Schönwerth-Gesellschaft" wurde der Band damals zum 200. Geburtsjahr des Volkskundlers herausgegeben. Ausschlaggebend für den internationalen "Run" auf Schönwerth, der mittlerweile von China bis nach Kanada reicht, war wohl ein Artikel im "Guardian".

Aus dem Volk

"500 neu fairy Tales found in Germany" betitelte die britische Tageszeitung in dicken Lettern einen Text über diesen neuen Bruder Grimm. Denn das ist Schönwerth. Ein Märchensammler, der diesem Anspruch noch mehr gerecht wird als die berühmten Gebrüder, deren Quellen bekanntermaßen in einem gehobenen kleinen Kreis sprudelten. Franz Xaver von Schönwerth hingegen sammelte wirklich im Volk. Mit akribischer Genauigkeit zeichnete der "Begründer der Oberpfälzer Volkskunde" alles auf, was er bei seinen Landsleuten finden konnte. Fakten über Wohnkultur, Kleidung, Hochzeits- und Totenbräuche. Und eben auch Geschichten.

500 davon stöberte Erika Eichenseer erst vor sechs Jahren mehr oder weniger zufällig auf. Die Lehrerin war auf der Suche nach regionalen Erzählungen, die sie dramatisieren konnte. Im Archiv der Stadt Regensburg stieß sie auf einen Schatz: hunderte eng beschriebene Blätter aus der Hand Schönwerths, von denen bis dahin keiner wusste. Bei den Erzählungen, die zum Erbe des "Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg" gehören, handelt es sich um gesammelte Märchen. Ein absolutes Novum. Denn im Gegensatz zu Sagen kannte man diesen Teil des Schönwerthschen Erbes bis dahin nicht.

"The Turnip Princess"

"Das begeistert auch die Welt", sagt Erika Eichenseer. Zwar waren schon viel früher immer wieder Bücher über Schönwerth auf den Markt gekommen. Internationale Beachtung fand aber erst eine englische Veröffentlichung der neu gefundenen Märchen im März diesen Jahres. "The Turnip Princess", das im März dieses Jahres bei Penguin Books herausgekommen ist, musste seine Auflage zwei Tage nach der Erscheinung verfünffachen. "Ich bin ein Vierteljahr nicht mehr vom Computer weggekommen", erzählt Erika Eichenseer über die Zeit nach dem rasanten Erfolg. Dann hat sie einen Agenten einbezogen. Der regelt nun die Rechte und Veröffentlichungen weltweit. Und so kann es auch kommen, dass im Hause Eichenseer unverhofft eine mehrteilige Audio-CD mit Schönwerthschen Märchen eintrudelt. Auf Englisch. "Davon habe ich gar nichts gewusst", sagt sie und dreht die Hülle in den Händen.

Den Grund für den Erfolg der Schönwerthschen Märchen sieht das Ehepaar Eichenseer in mehrerlei Gründen: Die Erzählungen sind authentisch. "Oral history" nennt es Adolf Eichenseer im Fachjargon. Das heißt auch: weniger Prinzen und Prinzessinnen, dafür mehr Naturgeister. Holzfräulein, Wasserfräulein, Zwerge und Riesen, Geschichten zu Wind, Sonne und Mond faszinieren Leser rund um den Globus.

Mündliche Erzählung

Den Herausgebern Eichenseer ist dabei auch der wissenschaftliche Aspekt wichtig. Im Anhang sind sämtliche Märchen in den Kontext der Märchen- und Erzählkultur eingebunden. Aber auch eine andere Sache spielt eine Rolle: Erika Eichenseer und ihr Mann pflegen die mündliche Erzählung. Gemeinsam treten die beiden auf, erzählen und musizieren - und lassen ihre Publikum kräftig mitmachen. Das Vorgetragene kann dabei variieren, je nachdem ob die Veranstaltung in einer Schule, im Wirtshaus oder im Rotari-Club stattfindet.

"Die Menschen haben einen Hunger nach Gemeinschaft", resümiert Adolf Eichenseer zum Thema Mitmachkultur. Und die Welt scheint nur auf einen Franz Xaver von Schönwerth gewartet zu haben. Geradezu lauffeuerartig breitet sich dessen Märchenschatz derzeit aus. In Indien und Italien, in Estland und Australien, in Spanien und Südafrika ist das Interesse mittlerweile erwacht. Nur Hollywood musste eine Absage hinnehmen. Da ist Erika Eichenseer unbestechlich. "Denen habe ich den Schönwerth nicht ausgeliefert."

___

Weitere Informationen im Internet:

www.schoenwerth.de
Weitere Beiträge zu den Themen: August 2015 (7425)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.