Dorothea Zwölfer outete sich vor ihrer Gemeinde - Vorträge über Transsexualität
Wenn der Herr Pfarrer zur Frau wird

Pfarrerin Dorothea Zwölfer will Vorurteilen gegenüber transsexuellen Menschen entgegentreten. Bild: gib
Kultur
Regensburg
10.10.2014
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Im Frühjahr 2013 wagte Pfarrer Andreas Zwölfer den entscheidenden Schritt: Er stellte sich vor seine evangelische Kirchengemeinde im niederbayerischen Neufahrn und erklärte, dass er sein Leben als Dorothea Zwölfer weiterführen möchte. Das Outing der Transsexuellen löste in dem beschaulichen Ort einen Riesenwirbel aus, bundesweit berichteten die Medien darüber.

Ein inneres Wissen

Nach der ersten Aufregung zog sich Dorothea Zwölfer bewusst zurück, beantwortete keine Presseanfragen mehr. Dass sie heute wieder an die Öffentlichkeit geht, Vorträge über Transsexualität hält, liegt an den Vorurteilen, denen sie immer wieder begegnete. Sie wurde beschimpft, gegen die Schöpfungsordnung zu verstoßen. Eltern wollten ihr Kind nicht von ihr taufen lassen. Vor einer Beerdigung erklärte ein Angehöriger, er wolle "niemanden von St. Pauli dabei haben". Dorothea Zwölfer musste immer wieder erklären, was eigentlich klar sein sollte: Dass Transsexualität weder etwas mit Prostitution zu tun hat noch mit Männern, die sich als Frauen verkleiden. "Transsexuelle Menschen haben ein inneres Wissen von dem, was sie sind", sagte Dorothea Zwölfer bei einem Begegnungsabend des Evangelischen Bildungswerks Regensburg. Das Hirngeschlecht passe bei ihnen nicht mit dem körperlichen Geschlecht zusammen. Von einer "Entscheidung", künftig als Frau leben zu wollen, möchte die Pfarrerin nicht sprechen. Vielmehr sei der Leidensdruck so groß geworden, dass sie irgendwann nicht mehr anders konnte.

Schon früh anders

Dass sie anders war, ahnte sie schon früh. Als fünfjähriger Bub fragte Andreas Zwölfer seine Mutter, wann er schwanger werden könne. Als die Mutter antwortete, er habe doch nicht einmal eine Gebärmutter, überkam den kleinen Jungen eine tiefe Traurigkeit. In der Pubertät, einer Zeit, in der ohnehin vieles verwirrend oder peinlich ist, verstärkten sich die Fragen im Kopf. "Doch ich wusste nicht, wie ich mich mitteilen soll." Und so musste Andreas Zwölfer 49 Jahre alt werden, bevor er sein Leben umkrempelte und sich outete.

Der Schritt fiel ihm alles andere als leicht. "Man riskiert seine Ehe, seinen Beruf, seine Freunde." Viele Ängste waren unbegründet. Dorothea Zwölfers Ehefrau hält bis heute zu ihr. Auch ihr Arbeitgeber, die evangelische Kirche, erwies sich als loyal. Allerdings arbeitet Dorothea Zwölfer heute nicht mehr als Gemeindepfarrerin, sondern hat andere Aufgaben im Dekanat Landshut übernommen. Ehrenamtlich engagiert sie sich, um für die Akzeptanz und Toleranz für transsexuelle Menschen zu werben. Sie spricht stellvertretend für viele Betroffene, wenn sie fordert, die Vornamens-Änderung unbürokratischer zu gestalten.

Skeptisch steht Dorothea Zwölfer auch dem Gutachtersystem gegenüber: Ohne positives Gutachten erhalten Betroffene in Deutschland keine Hormonbehandlung. Ihr Gutachter habe etwa vermerkt, dass sie sich nicht sehr weiblich gekleidet habe. Dabei hätte das damals einfach nicht zu ihrem übrigen Aussehen, dem Bart und der tiefen Stimme gepasst, erklärte Zwölfer. "Außerdem war es anfangs gar nicht so einfach, Frauenschuhe in Größe 46 zu finden", fügte sie schmunzelnd hinzu. Der Humor zeigt: Dorothea Zwölfer scheint in ihrem neuen Leben angekommen zu sein.
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