Ein Bauchladen voll Überraschungen

Armin Mueller-Stahl kann auch Geige spielen. Der Künstler ist ein Multi-Talent. Bild: hou
Kultur
Regensburg
03.11.2014
9
0

Es gibt Tage, da ist man eineinhalb Stunden vor Mitternacht sehr zufrieden. Auch wenn draußen der "Halloween"-Spuk tobt. Denn drinnen im Regensburger Stadttheater trat einer auf, der als Mensch und Künstler unserem Land zur Ehre gereicht: Armin Mueller-Stahl.

Es blieb kein Platz frei. Viele Leute, die ihre Karten für eine zweistündige Reise ins Ungewisse bezahlten. Der weltbekannte Schauspieler endlich einmal in der Oberpfalz. Bald 84 Jahre alt und in der Tat eine Ikone. Auch was sein malerisches Schaffen betrifft. Doch Mueller-Stahl als Musiker? Man musste einfach in Erfahrung bringen und war neugierig darauf, ob er das ebenfalls kann.

Der Regensburger Jazz-Club hatte sich daran beteiligt, ihn auf die Bühne zu kriegen. Also ein Jazz-Konzert? Schwierig zu beantworten. Denn dieser Mann, den sie irgendwann einmal als "Brad Pitt der DDR" bezeichneten, ist musikalisch nirgends einzuordnen. Und genau das macht ihn und seine Mitstreiter zu einem Ereignis, von dem man noch lange zehren und wohl auch reden wird.

Seine zeitlosen Songs hat er vor 45 Jahren geschrieben. Keiner gleicht dem anderen. Nichts ist Schablone, jede einzelne Darbietung ein Unikat. Der "Mann mit dem Bauchladen" kommt vor, der den Kindern seine Lieder schenkt. Eine "blaue Kuh" treibt Mueller-Stahl durch diesen Theatersaal.

Er greift fulminant zur Geige, lehnt sich Augenblicke später genießerisch in seinen Stuhl zurück und gibt Lyrik in Gründgens-Manier zum Besten. Ein Mime, der Musik macht. Grandios. Schlichtweg umwerfend.

1979 hat dieser Mann die DDR verlassen. Seine Heimat, von deren Betonkopf-Regierung er sich abwendete. Das wiederum gerät zu einem der Höhepunkte des Auftritts. Mueller-Stahl erzählt in Reimen, wie es war, als er all das verbrannte, was er nicht mitnehmen durfte auf dem Weg in die Freiheit: Zeugnisse, die Tango-Schuhe aus der Schuricke-Zeit, seinen ersten Film, dessen Zelluloid sich wie schwarze Fetzen in der Luft auflöste. Mueller-Stahls Erinnerung mündet in die Erkenntnis: "Der Mensch wird alt und mangelhaft. Die Locke wird hinweggeschafft." Auch der Westen hatte dann so seine Tücken und Unzulänglichkeiten.

Der Schauspieler, Maler, Musiker verbeugt sich, lächelt bescheiden. Das tun auch seine musikalischen Partner Günter Fischer, Tom Götze und Tobias Morgenstern. Jeder von ihnen ist ein Diamant mit schillernden Facetten. Primär Fischer, eine Größe der damaligen Jazzmusik in der DDR.

Und warum heißt dieses Konzert "Es gibt Tage..."? Die Antwort erfolgt beim Finale: "Es gibt Tage, da bin ich so unversöhnt, da hätt' ich mir die Menschen am liebsten abgewöhnt." Noch ein Griff zur Geige. Dann ist Schluss.

Stehender Beifall. Chapeau! Für einen, den dieses Land noch lange braucht. Auch wenn man ihn, wie er süffisant erzählt, in Berlin mit Marlon Brando verwechselt und um ein Autogramm gebeten hat.
Weitere Beiträge zu den Themen: November 2014 (8194)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.