Eine Lesung wie eine Offenbarung

Kultur
Regensburg
06.10.2014
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Benno Hurt, Romancier aus Regensburg mit einem Berufsleben als Jugendstrafrichter im Rücken, geht bei der Debütlesung in seiner Heimatstadt volles Risiko und nennt die Dinge beim Namen.

Ein ungeschriebenes Gesetz des Buchhandels lautet: Wenn ein Autor bei einer Lesung sein neues Werk vorstellt, dann soll sich das Publikum zwar blendend unterhalten, sich aber hinterher nur in etwa so gut informiert fühlen wie nach der Lektüre einer ausgeweiteten Version des Klappentexts.

Das heißt: Die Gäste sollen eingewickelt werden in eine Wolke des Wohlgefallens und dabei schon irgendwie erfahren, worum's thematisch zwischen den Buchdeckeln geht. Aber: Weil die Anwesenden schließlich auch Kundschaft sind, wird von ihnen erwartet, dass sie hinterher das beworbene Produkt kaufen. Deshalb belässt es der Vortragende meist bei ebenso verführerischen wie pointilistischen Andeutungen, plaudert vor allem um den heißen Brei herum und legt allenfalls Fährten und Duftspuren aus. Aber was des Pudels Kern ist, das soll erst zu Hause erlesen werden, aus dem soeben gekauften Produkt.

Beim Regensburger dtv-Autor Benno Hurt (geboren 1941) ist das anders. Die Lesung bei seinem Freund, der Buchhändlerinstitution Fred Strohmaier, oben im ersten Stock der "Atlantis Buchhandlung" in der Wahlenstraße, gerät zu einer Offenbarung. Benno Hurt hat seinem Roman "Die Richterin" die Flügel gestutzt. Das heißt: Seine rund 45-minütige Lesung beschränkt sich auf den zentralen Handlungsstrang. Und so erfahren wir einiges über das an Merkwürdigkeiten nicht ganz arme Leben der Protagonistin Judith S., einer 46-jährigen Richterin. Für ihr berufliches Fortkommen (vom amtierenden Landgerichtspräsidenten weiß sie, dass sie für seine Nachfolge vorgesehen ist) hat sie, die es gewohnt ist, zu kontrollieren und zu dominieren, ein stagnierendes Privatleben in Kauf genommen. Weshalb sie Lücken im eigenen Lebenslauf entweder mit der Fotokamera zu verkitten sucht - oder, bei der Prozess-Recherche in Außenbezirken, unversehens auf einen Mann stößt, der seinerseits käufliche Liebe sucht.

Ein Befreiungsakt

Freudianisch gesprochen erlebt diese rothaarige Frau, die ansonsten ihre Zustände der Erregung lediglich beim Aktenstudium erlebt, sodann, wie sich die Kräfte ihres kontrollierenden "Über-Ichs" am sich ebenfalls lautstark zu Wort meldenden "Es" zu reiben beginnen. Das gipfelt in einer, dem Zweck der dargestellten Angelegenheit dienenden drastischen Passage, die als asymptotischer Befreiungsakt einer an Verklemmungszuständen reichen Frau verstanden sein will.

Zur Traurigkeit freilich neigt der Mensch nach solchem Erleben. Auch mancher Leser im Publikum mag es bedauert haben: dass ihm der Autor diese Stelle aus der Hand genommen hat. Neudeutsch gesprochen: Dass er sie "gespoilert" hat, also dass er das Entscheidende, den Höhepunkt gewissermaßen, vorweggenommen hat. Ob sich das, was Hurt offenbart, auf die Verkaufszahlen "Der Richterin" an diesem Abend auswirkte? Offen sei's gestanden: An dieser Stelle verletzte der Berichterstatter seine Rechercheurs-Pflicht - weshalb dieses Detail ein ewiges Geheimnis bleiben muss!
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