Erstes Landesjazzfestival in Regensburg
Gelungener Auftakt mit Weltstar Ron Carter

Ron Carter gilt als "lebende Legende". Mit seinem "Golden Striker Trio" fesselte er das Publikum im Velodrom vom ersten bis zum letzten Ton. Kammermusikalischer Jazz auf höchstem Niveau. Beim ersten Landesjazzfestival hat sich Regensburg eindrucksvoll als heimliche Jazz-Hauptstadt Bayerns in Szene gesetzt. Bild: lr
Kultur
Regensburg
24.10.2016
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Die Landesarbeitsgemeinschaft Jazz in Bayern hat es sich zum Ziel gesetzt, dem Jazz eine größere Plattform zu bieten. Künftig soll das Landesjazzfestival jedes Jahr in einer anderen bayerischen Stadt über die Bühne gehen. Der Auftakt in Regensburg mit Weltstar Ron Carter war vielversprechend.

Die Regensburger Szene ist bunt und vielfältig. Da gibt es seit Jahren das "Bayerische Jazz-Weekend", das alljährlich im Juli den Jazz einem großen Publikum zugänglich macht. Der Jazzclub Regensburg präsentiert in seinem Domizil im "Leeren Beutel" das ganze Jahr über ein hochkarätiges Programm, und die Landesarbeitsgemeinschaft Jazz möchte diese Musikform noch besser ins Rampenlicht rücken. So ist es nur logisch, dass ihr erstes Festival in Regensburg abgehalten wurde.

Zum Auftakt am Freitag gehörte die Bühne im Jazzclub "Leerer Beutel" ganz den einheimischen Musikern. Das Jazzpreis-Gewinner-Trio von Leo Bätzel und das neu gegründete Landes-Jazzensemble machten das hohe Niveau der einheimischen Szene deutlich.

Wegbereiter für den Bass


Als Publikumsmagnet im Velodrom erwies sich dann am Samstag Ron Carter. Der 79-jährige Bassist gehört zu den letzten noch aktiven Repräsentanten einer Ära, die den modernen Jazz erschaffen hat. Im Quintett von Miles Davis erlangte er Weltruhm und ist wohl einer der am meisten dokumentierten Jazzmusiker überhaupt. Auf mehr als 3000 Alben steht sein Name, er hat mit allen Größen gespielt.

Eine geheimnisvolle Aura umgibt den eleganten Bassisten, der mit seinem "Golden Striker Trio" kammermusikalischen Jazz auf höchstem Niveau präsentiert. Carter hat den Bass aus seiner Begleitfunktion herausgeführt und zu einem gleichberechtigten Partner gemacht. Schon beim ersten Stück "Laverne Walk" aus der Feder von Oscar Pettiford wird das Klangkonzept deutlich. Der Bass übernimmt das Thema, Gitarre und Klavier steigen ein, die Melodien verzahnen sich, und Solo-, Duo- und Trio-Passagen sorgen abwechselnd für außergewöhnliche Klangfarben.

Die ersten drei Kompositionen sind verstorbenen Freunden gewidmet. Oscar Pettiford, dem wegweisenden Virtuosen an Kontrabass und Cello, Rudy Van Gelder, dem im August verstorbenen Tonmeister, der die legendären Blue-Note-Sessions aufzeichnete, und Jim Hall, dem Pionier der modernen Jazz-Gitarre. Ihm hat Gitarrist Russell Malone mit seiner Komposition "Candlelight" ein Denkmal gesetzt. Für sein unbegleitetes Solo am Ende der Nummer erntet Malone frenetischen Beifall. Pianist Donald Vega dominiert bei "My Funny Valentine". Das viel gespielte Standard erscheint hier in einem neuen Arrangement mit viel Luft, wechselnden Stimmungen und dynamischen Abstufungen: Ein Gespräch unter Freunden mit viel Zeit.

Man hört sich gegenseitig zu, kommentiert und bringt neue Gedanken ins Spiel. Und immer wieder lässt Vega auch seine lateinamerikanischen Wurzeln einfließen. Mit seiner Solonummer "You Are My Sunshine" zeigt Ron Carter noch einmal alle Nuancen seines Spiels. Da werden Melodielinien zerpflückt, mit Zitaten angereichert und alle Register wie Flageolett- und Akkordspiel gezogen: Ein ganz besonderes Klangerlebnis mit einem der letzten Giganten!

Den Abend eröffnete eine Gruppe mit regionalem Background. Die Sängerin Lisa Wahlandt und ihr Quartett mit Gerwin Eisenhauer (Schlagzeug), Sven Faller (Kontrabass), Matthias Bublath (Piano) und Graeme Stephen (Gitarre) warteten mit einem bunten Programm auf, das eher der Singer-Songwriter-Tradition verpflichtet war. Da gab es Vertonungen von eigenen Erlebnissen ebenso, wie Adaptionen von Chansons, Latin und Pop. Wahlandts Stimme ist kraftvoll und ausdrucksstark. Ihre Interpretation des Klassikers "Miss Otis Regrets" geht auch in Marlene Dietrichs Version als "Mein Mann ist verhindert" unter die Haut.

Spannende Atmosphäre


Vor allem Sven Faller am Kontrabass und Gerwin Eisenhauer als "Schlagwerker" verhelfen den Songs zu neuem Leben. Eisenhauers Einwürfe und Kommentare jenseits des gängigen Swing-Idioms sorgen für spannende Atmosphäre mit Überraschungen. Als Zugabe gibt es Elvis Presleys "Heartbreak Hotel" in einer Zeitlupen-Version mit vielen Pausen und Nuancen, Vergleiche mit Peggy Lees erotischer Stimme drängen sich auf. Im Anschluss an des Hauptkonzert gab es für Nachtschwärmer zu später Stunde noch zwei weitere Konzerte in der Neupfarrkirche und im "Leeren Beutel" mit "Enders Drome" und "Organ Explosion".
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