Fast schon ein Wellnessbad

Auch beim Regensburger Konzert herrschte Fotografierverbot. Den Hut, den Bob Dylan 2012 in Spanien aufhatte, trug er auch in der Donau-Arena und zeigte sich als echter Crooner. Archivbild: dpa
Kultur
Regensburg
12.11.2015
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Fahles Licht gibt der Bühne das Aussehen eines kathedralen Innenraumes. Dort steht einer, der seine musikalische Bergpredigt seit über fünf Jahrzehnten verkündet. Schnarrend und mit nasalem Gesang. Eine lebende Legende ohne weltweit vergleichbares Beispiel. Seine Jünger sind begeistert. Denn wann war Bob Dylan jemals besser?

Er könnte seine Hitparade machen. "Shelter from the Storm" und "Drifters Escape". Doch die alten Gassenhauer bleiben in der Schublade. Bis auf ein paar wenige. "All along the Watchtower" war gestern. Uralte Hüte, die nicht mehr zu Dylans weißem Filzchapeau passen. Der 74-Jährige aus Duluth/Minnesota gibt viele Songs zum Besten, die kaum jemand bisher von ihm kannte. Von Frank Sinatra beispielsweise.

Über 4500 Besucher

Noch immer verliert er kein verbindendes Wort an sein Publikum. Doch es fällt auf: Dylan starrt nicht mehr gelangweilt auf den Boden, sein Programm sorgt auch für keine Rätsel auf bei den Fans, die sich oft fragen mussten: "Was singt er denn jetzt?" und eine Antwort erst am nächsten Morgen aus dem Internet erhielten. Stattdessen bekommen die 4500 Besucher in der Regensburger Donau-Arena einen Protagonisten zu sehen, dessen Stimme sich wie runderneuert ausnimmt. Er dreht die Töne in seiner Kehle, meißelt sie wie Monumente in drei vor ihm stehenden Mikrofone, spielt die Mundharmonika wie einst und setzt sich ans Piano.

Zwei Stunden lang und 20 Lieder ist es, als sei die Zeit stehen geblieben. Ein phänomenaler Auftritt eines der letzten noch lebenden Saurier. Dylan startet mit "Things have changed", er covert Irving Berlins "What I'll do" und sorgt für erste Gänsehaut bei "Duquesne Whistle." Dann kommt ein Highlight dieses Abends: "Pay in Blood." Folk-Songs aus der Anfangszeit sind so gut wie nicht mehr dabei. Dafür aber Boogie, Rock'n'Roll und langsame Balladen. Wunderschön wie Sinatras "I'm a Fool to want you." Entspannt, unaufgeregt, wie Balsam. Fast schon ein Wellnessbad.

Was folgt, ist ein Lied für die Ewigkeit: "Tangled up in Blue". Der Rock-Rentner hämmert es in die Lautsprecheranlage, stakst ungelenk ein paar Schritte zurück. Wobei sich dieses "Blue" wie ein Schleier aus weicher Seide über seine faszinierten Zuhörer senkt. Längstens da ist vergessen, dass es den "Mr. Tambourine Man" wohl niemals wieder von ihm geben wird. Und auch der Eskimo "Mighty Quinn" ist längst gestorben.

Mit dem Begriff "Ereignis" sollte sparsam umgegangen werden. Dieser Auftritt von Bob Dylan war eines. Man hört "Autumn Leaves" und erinnert sich, dass Yves Montand damit einmal Erfolge feierte. Dann "All or nothing at all" von Frankieboy, der ganz gewiss seine Freude an dieser Version gehabt hätte. Die Show treibt ihrem Höhepunkt zu. "Blowin' in the Wind" als erste Zugabe. Dylan am Piano, seine famose fünfköpfige Band im Hintergrund. Als der Applaus einsetzt, kommt "Love sick". Noch einmal beweist der Meister, dass er weit über dem steht, was die Musik unserer Tage bestimmt. Schlichtweg nur ein Song, der zu den besten zählt, die er je schuf.

Um ein Genie ärmer

Wird man ihn noch einmal sehen, diesen verschrobenen Sonderling, der noch immer dabei ist, Geschichte zu schreiben? Die "Never Ending Tour" scheint rein vom Biologischen her auf ihr Finale zuzutreiben. Doch es muss ihn, den Bob Dylan, noch lange geben. Denn ohne diesen Mann wäre die Welt um ein Genie ärmer.
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