Florian Lutz verlegt Marschners romantische Oper "Hans Heiling" am Theater Regensburg in die ...
Erdgeister gegen das Proletariat der Sterblichen

Kultur
Regensburg
23.09.2015
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Eines kann man Regisseur Florian Lutz nicht vorwerfen, nämlich er hätte sich nichts einfallen lassen. Im Gegenteil, seine Inszenierung der Oper "Hans Heiling" von Heinrich Marschner am Theater Regensburg strotzt nur so von Ideen. So verlegt er die Handlung der 1833 uraufgeführten romantischen Oper in die Jetztzeit, und so werden die Erdgeister zu Turbokapitalisten und die Sterblichen zum demonstrierenden Proletariat.

Damit aber nicht genug, denn Lutz ist ein Freund des sogenannten interaktiven Theaters und bindet das Publikum von Anfang an in die Inszenierung mit ein. Das beginnt schon damit, dass ein Teil des Publikums erst einmal nicht auf die Plätze im Auditorium gelassen wird, sondern sich Backstage versammeln muss, wo die Königin der Erdgeister und ihr Sohn Hans Heiling im Vorspiel der Oper bis in die höchsten Etagen der Bühnentechnik agieren, während die Erdgeister dem Finanzkapital huldigen. Es entsteht der Eindruck einer Aktienbörse.

Nach rund 20 Minuten können sich diese Theaterbesucher entscheiden, ob sie nun die Plätze im Auditorium einnehmen oder auf der Bühne bleiben und Teil der Inszenierung werden wollen. Auch textmäßig mischt Lutz diese Oper gewaltig auf. Da wird zwischendurch immer wieder im Stile der TV-Boulevard-Magazine moderiert, was zumindest im ersten Akt etwas zu dominierende Züge annimmt und das eigentliche Musiktheatergeschehen fast in den Hintergrund drängt.

Überzeugendes Konzept

Auch ob der mittlerweile doch etwas ausgelutschte "Ton-Steine-Scherben"-Spruch "Macht kaputt, was euch kaputtmacht" hier auf einer mystisch anmutenden Demonstration des Proletariats zum Zuge kommen muss, sei einmal dahingestellt. Hier grüßt doch sehr das Klischee.

Insgesamt ist es Florian Lutz aber gelungen mit seinem Regiekonzept zu überzeugen. Das gilt für die gesamten Bewegungsabläufe ebenso wie für einfallsreiche Details. Sehr beeindruckend ist beispielsweise der mehrmals in den Logen der Ränge sowie im Parkett agierende Chor. So haben die Warnung der Königin der Erdgeister (die hier zudem aus der Fürstenloge singt) an Anna und der Streit-Dialog zwischen Heiling und den Erdgeistern auf das Publikum eine unmittelbare und enorm fesselnde Wirkung. Den Opernchor und den Extrachor des Theaters Regensburg kann man in Bezug auf die Bühnenakteure hier ruhig einmal zuerst nennen, denn Alistair Lilley hat seine Sänger ganz hervorragend auf ihr Aufgabe eingestellt.

Gute Gesamtleistung

In der Titelrolle brilliert an diesem Premierenabend Adam Kruzel, der einen sehr präsenten und stimmlich durchsetzungskräftigen Hans Heiling gibt. Aber auch Theodora Varga als Königin der Erdgeister, Michaela Schneider als Anna, Vera Egorova als Gertrud, Steven Ebel als Konrad, Mario Klein als Stephan und Matthias Laferi als Nicklas tragen zur guten Gesamtleistung der Ausführenden in dieser Produktion bei.

Dazu gehört auch das Orchester, das unter der Leitung von Tom Woods die Tempi angemessen erfasst und Sinn für Dynamiknuancen ebenso zeigt wie für die großen Spannungsbögen. Der Premieren-Applaus fällt zurecht anhaltend und für die Hauptakteure intensiv aus.
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