Fritsch-Uraufführung in Regensburg
Mach's gut, Shakespeare

Im Zeichen der Venus erstrahlt das Firmament so hell wie eine Discokugel. Prospero (Frerk Brockmeyer) sonnt sich ebenso im Glanz der Liebesgöttin wie die anderen Shakespeare-Figuren, die allesamt aus Werner Fritschs Kopf geschlüpft sind und Kriegsgott Mars die Stirn bieten. Bild: Jochen Quast
Kultur
Regensburg
20.11.2016
133
0

Einfach und schwierig zugleich: "Shakespeares Schädel in Fausts Faust", eine Auftragsarbeit des Oberpfälzers Werner Fritsch, feiert seine mit warmherzig-herzlichem Applaus bedachte Uraufführung am Theater Regensburg

Im Vorfeld war die Angst groß: Funktioniert das? Werner Fritsch, der Prophet aus dem eigenen Land, und die große Bühne des Theaters am Bismarckplatz? Ist "Shakespeares Schädel in Fausts Faust" tauglich fürs breite Publikum? Ein Stück, das zum eigenwillig-sperrigen Titel auch noch "Ein Mittsommernachtstraum" im Untertitel führt. Das zum 400. Todestag von William Shakespeare als Auftragsarbeit für Regensburg verfasst wurde. Und in dem sich der 1960 in Waldsassen geborene Autor selbst als Goethes Faust stilisiert. Der sich obendrein mangels eines Mephisto "tausendundeine" Shakespeare-Figur erträumt.

Am Freitagabend um 21 Uhr war die Welt - genauer: die Theaterwelt in der Oberpfalz -schlauer. Denn nach 90 Minuten Spieldauer, am Ende der Uraufführung, da brandete warmherziger und herzlicher Beifall auf, aus dem ausverkauften Halbrund. Und es war klar: Ja, es hatte funktioniert! Und zwar nicht nur irgendwie und so hopplahopp. Sondern richtig!

Schwerer Stoff


Umso bemerkenswerter, weil das tatsächlich schwerer Stoff ist, den Werner Fritsch da in seiner alchemistischen Hexenküche zusammengebraut hat. Das ist einerseits ein Nebenprodukt seines Opus Magnum "Faust Sonnengesang" (an dem er seit 20 Jahren schon arbeitet), ist andererseits aber ein eigenständiges abendfüllendes Programm. Seine Erzählstruktur folgt dabei dem Bestreben, aus einer Welt, die dem Chronos und damit der dunklen Seite der Macht verpflichtet ist, eine Welt des Kairos, ein Universum der gelungenen Augenblicke also, zu schöpfen.

Und so lässt er seinen Doktor Faust den Shakespeare neu erträumen und macht daraus ein wahrhaftes "Best-of"-Programm: Nicht nur, weil altbekannte Figuren wie Hamlet und Macbeth, Ophelia und Desdemona in Gestalt von Geistern auftreten. Sie verändern auch ihre Strategien. So sind sich Antonio und Shylock, der jüdische Geldverleiher, anders als im "Kaufmann von Venedig", nicht in herzlicher Abneigung zugetan, nein, die beiden stiften eine tiefe Freundschaft. Und Ophelia ertrinkt nicht, sondern wird: Gerettet! Mit knallgelbem Schlauchboot fährt sie herauf aus dem Höllenschlund dem Planeten der Liebe entgegen.

Man kann das kitschig finden. Oder auch albern. Und hätte Werner Fritsch und diese Inszenierung gründlich missverstanden. Denn was Regisseur Bernd Liepold-Mosser aus seinen neun Akteuren (jedem einzelnen sei Respekt gezollt!) an Sprechleistung herauskitzelt und hervorzaubert, ist eindrucksvoll. Dem Zuschauer bietet sich ein gleichermaßen optisch wie akustisch (was Herwig Zamernik da an die Beweglichkeit der Akteure befördernden Discoklängen komponiert und produziert hat, ist von erstaunlicher, weit über stadttheaterüblicher Qualität!) dicht geknüpfter Ideenteppich dar, in dem er schwelgen, sich verlieren und auch seine Gedanken auf Reisen schicken kann.

Widerstreitende Planeten


Gekrönt ist das Bühnenbild von den beiden widerstreitenden Planeten: Dem blutroten Mars, der seine finsteren Strahlen aussendet. Und von der Venus, die sich als alles reflektierende Discokugel präsentiert. Der Bühnenboden dagegen ist pitschnass - und das ist auch keine transparente Ersatzflüssigkeit, nein, das ist echtes Wasser, in dem die Akteure rutschen, schwimmen, rudern müssen. Und sich dabei einem Ritual unterziehen, das an Taufe oder Fußwaschung erinnert, an etwas, was schon die Coen-Brothers vollzogen, in ihrer so überzeugenden Shakespeare-Annäherung "O Brother, Where Art Thou?". Damals huldigten sie sirenenhaften Nixen, die das Wunder der Erlösung aus den Fluten des Mississippi versprachen.

Für den Geist der Utopie


Werner Fritsch nimmt sie hinweg, die Sündhaftigkeit dieser Welt. Und steht damit für den Geist der Utopie ein. Für die Formulierung der Vorstellung von einer Welt, die anders sein soll, besser und gerechter als die, in der wir leben. Dass freilich das Dreigestirn Stalin, Hitler und Mao, das ebenfalls zu einem comichaften Kurzauftritt kommt, diesen von Fritsch erträumten Utopismus konterkariert, damit demonstrieren sie, dass die Mittel und Wege von gestern nicht verfangen.

Die Fritsch'sche Kopfgeburt, sein Shakespeare-Ensemble, es dreht ab, als wären sie Eisenspäne. Und treten damit heraus aus dem Kraftfeld des Mars. Um sich hineinzubegeben, ins Attraktionsgebiet der Venus. Applaus!
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.