Geliebter Möchtegern-Macho

Alt-Star Konstantin Wecker gastierte mit seinem Best-of-Programm "40 Jahre Wahnsinn" im Audimax in Regensburg. Seine treuen Fans riss er dabei nach wie vor aus den gepolsterten Sitzen. Bild: Scheiner
Kultur
Regensburg
28.04.2015
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Er ist ein Pathetiker, Übertreiber, ein Verallgemeinerer und gnadenloser Selbstvermarkter. Er ist aber auch ein Mutmacher, ein Herzerwärmer, ein Unbequemer und ein Süchtiger. Konstantin Wecker ist auch mit 67 "noch kein bisschen weise".

Er ist süchtig nach Applaus, nach Bestätigung und Zugewandtheit, süchtig nach allem, was zu einem ausgefüllten und guten Leben gehört. Konstantin Wecker, inzwischen flotte 67, ist mit einer Art Best-of-Programm und einer neuen Band-Besetzung auf Tour durch deutschsprachige Länder.

Im annähernd ausverkauften Audimax der Uni Regensburg wird der Münchner Poet und Liedermacher mit "40 Jahre Wahnsinn" stürmisch gefeiert. Das durchgehend wohlwollend aufmerksame, aber eher ruhige Publikum beginnt dann allerdings in die ausklingenden Akkorde des letzten Songs hinein heftig zu applaudieren und sich aus den gepolsterten Sitzen zu erheben. Nach der gallebitteren Reichenschelte "Empört Euch!" aus seinem 2011er Livealbum "Wut & Zärtlichkeit", wo er die Forderung des französischen Intellektuellen Stephane Hessel aufgreift, winkt er noch mit einer positiven Utopie. "Es ist eine grenzenlose Welt, in der ich leben will", formuliert der alte Nie-Aufgeber sein manchmal aggressiv, manchmal sanft vorgetragenes Liebes-Credo.

Vier Zugaben

Jauchzend vor Verzückung steht das Auditorium beinahe Kopf und holt Wecker mit seinen drei Begleitern zu vier Zugaben zurück auf die Bühne. "Es sind ja eigentlich 50 Jahre", korrigiert der bayerische Lustmensch seinen künstlerischen Lebenslauf. Immerhin sei er schon mit zwölf Jahren erstmals bei einer Verdi-Oper auf der Bühne gestanden. "40 Jahre aber hört sich besser an", kokettiert Wecker und flirtet den weiblichen Teil seiner Zuhörerschaft heftig an: "Die meisten waren schon mit vier oder fünf erstmals auf einem Wecker-Konzert."

Den Einstieg gestaltet er solo am Flügel mit seinem 1977 erschienenen, dramatischen Lied um den erschlagenen Freund "Willy", dem er seine Berühmtheit zu verdanken hat. Heute müsse er etwas aufklären, gesteht er anschließend: "Der Willy lebt... und verkauft draußen vor dem Eingang Bücher und CDs". Zwar sei der Freund damals bei einer Kneipenschlägerei in München tatsächlich schwerverletzt worden, die Narben aber seien längst verheilt. Über eine Kostprobe aus seinen erfolglosen "Sadopoetischen Gesängen..." von 1973 rückt er in die Zeit der 80er Jahre vor. Er liest Kindheitsgeschichten vom Hund "Cicero", schildert seine Zusammenarbeit und Tour-Tätigkeit mit Mercedes Sosa, Heinrich Böll und Petra Kelly, erinnert an Sophie und Hans Scholl.

Dunkle Seiten

Eine Therapiestunde legt er nach der Pause ein und arbeitet selbstironisch, gewitzt und durchaus auch wieder kokett seine dunklen Seiten auf. Mit 19 das erste Mal im Knast, beruhigt ihn der gütige Vater: "Junge, du taugst nicht zum Verbrecher...", also bleibt ihm nur der Weg auf die Bühne. Doch mit "Ein paar Kilo Kokain, (um der schöden Welt zu entflieh'n)" landet er Jahrzehnte später wieder in U-Haft, wird auf Bewährung verurteilt. "Meine Lieder", erklärt er reuig und demütig, "waren immer klüger als ich". In ihnen habe er nie gelogen, nur mit seiner "dummen Lebensweise" als Möchtegern-Macho und Aufschneider - damals. Dafür wird er von seinem Publikum geliebt und verehrt - im Audimax zeigen sie es dem sendungsbewussten linken Songpoeten eins ums andere Mal. Gemeinsam singen sie am Ende "die Gedanken sind (waren) frei" - nicht gedankenlos, sondern mit bösen zeitgemäßen Umdichtungen. Weckerleuchten eben.
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