Griff in die volkstümliche Klischee-Kiste

Die Briefchristel (Aurora Perry) gibt sich vor versammeltem Hofstaat selbstbewusst. Foto: Jochen Quast
Kultur
Regensburg
08.12.2014
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Was macht ein Regisseur, wenn er beim " Vogelhändler" einen US-amerikanischen Hauptdarsteller hat, der sich zum ersten Mal genötigt sieht den Tiroler Dialekt zu lernen? Ganz einfach, der Regisseur baut diese Unzulänglichkeit in sein komödiantisches Konzept mit ein.

Auch deshalb kann Regisseur Dominik Wilgenbus in seiner Inszenierung dieser Operette am Theater Regensburg beeindrucken. Aber Wilgenbus' Konzept beinhaltet wesentlich mehr. So ist es dem Regisseur hier auf anschauliche Weise gelungen, diesem 1891 uraufgeführten Musiktheaterwerk der leichten Muse auch für heutige Empfindungen packendes Leben einzuhauchen. Das geschieht durch ein bis ins kleinste Detail durchdachtes Konzept, das vom Anfang bis zum Ende der knapp dreistündigen Aufführung durchwegs beeindrucken und begeistern kann. Die Palette reicht hier vom bewusst tiefen Griff in die volkstümliche Klischee-Kiste über zahlreiche witzige Details bis hin zu unkonventionellen Bewegungsabläufen, die auch so manches nicht erwartete Tänzchen enthalten.

Witzige Details

Da hüpfen die Mitglieder des Chores in der Nummer "Man munkelt" erdmännchenhaft auf der Stelle, da hängt in der Kulisse zwischen den Wildschweinkopf-Jagdtrophäen auch schon mal ein Hinterteil dieser Tiergattung an der Wand, da fungiert die Briefchristel als Stehlampenständer und man entschuldigt man sich auf einem Plakat für eine "Tonstörung" der Kurfürstin Marie. Es würde den Rahmen einer Kritik bei weitem sprengen hier alle witzigen Details dieser Inszenierung aufzuzählen, welche zum beeindruckenden Gesamtkonzept dieser Produktion beitragen.

Aber Wilgenbus zeigt auch Sinn für die romantischen Momente dieses Werks. So lässt er beispielsweise die letzten Takte zur leisen Begleitung einer auf der Bühne gespielten Zither ausklingen. Bühnenbildner Peter Engel und die Kostümbildnerin Claudia Doderer schaffen dazu eine kongeniale Rokoko-Atmosphäre, welche geschickt auf die Zeit der Handlung Ende des 18. Jahrhunderts anspielen.

Den Bühnenakteuren muss man ein großes Kompliment aussprechen. Zur gelungenen Produktion trägt auch Cameron Becker bei, der - wie eingangs erwähnt - gar keinen Hehl daraus macht, in der Titelrolle des Vogelhändlers Adam des tirolerischen nur unzulänglich mächtig zu sein und dieses Manko sogar noch komödiantisch zelebriert. Zudem kann der Tenor durch seine klare und sauber intonierte Stimme bis in die hohen Lagen beeindrucken. Letzteres gilt auch für Aurora Perry, die in der Rolle der Briefchristel beweist, wie überzeugend man die Kadenzen dieser Rolle in den höchsten Tönen abschließen kann. Aber auch Adam Kruzel (Baron Webs), Theodora Varga (Kurfürstin Marie), Doris Dubiel (Baronin Adelaide), Adam Sanchez (Graf Stanislaus) sowie alle anderen Beteiligten, inklusive dem von Alistair Lilley hervorragend einstudierten Chor, tragen zum beeindruckenden Gesamtbild dieser Produktion bei.

Intensiver Schlussapplaus

Das gilt auch für das von Tom Woods geleitete Orchester, das Dynamik-Nuancen auszuloten weiß und die Spannungsbögen packend in Szene setzt. So war der intensive und anhaltende Schlussapplaus für diesen Premierenabend im ausverkauften Theater am Bismarckplatz in jeder Hinsicht gerechtfertigt.
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