"Ich bin meine eigene Großmutter"

Christian Huber hat sich in Berlin gut eingelebt, trotzdem denkt er viel an seine Heimat Regensburg. Am Montag, 9. November, erscheint sein Buch "Fruchtfliegendompteur". Repro: ske
Kultur
Regensburg
06.11.2015
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"Fruchtfliegendompteur" - ein ungewöhnlicher Buchtitel. Im Interview erklärt der Oberpfälzer Christian Huber, warum es sich mit einem Bademantel besser leben lässt und was das mit seinem Buch zu tun hat.

Christian Huber wurde 1984 in Regensburg geboren. Seit einigen Jahren lebt er in Berlin. Unter dem Pseudonym "Pokerbeats" führt er einen der beliebtesten deutschsprachigen Twitter-Accounts. Jetzt erscheint sein Buch "Fruchtfliegendompteur", eine Ansammlung unglaublich witziger Anekdoten über die Menschen und Dinge, die ihm begegnen. Nach der Lektüre vielleicht auch dem Leser.

Sie erzählen von "komischen Vögeln", die Sie in Berlin schon getroffen haben. Wie empfindet man Sie, wenn man Sie trifft?

Christian Huber: In Berlin fällt man ja nicht so schnell auf. Da dreht sich niemand um, wenn in der Straßenbahn ein Fahrgast mal keine Hose, aber dafür einen Sombrero oder einen Indianerschmuck trägt. Man sieht hier wirklich oft schräge Gestalten. Da überlegt man, was für Geschichten hinter den Menschen stecken.

Ich ziehe meine Ideen aus Beobachtungen. Was aber auch zur Folge hat, dass Freunde, die ich treffe, manchmal zögern, bevor sie mir etwas erzählen. Ich glaube, wer mich trifft, hat manchmal ein bisschen die "Befürchtung", ich baue alles Erlebte sofort in eine Geschichte ein.

Sie haben Kulturwissenschaften studiert. Wie erklärten Sie damals Ihren Eltern, dass damit etwas "Anständiges" aus Ihnen werden kann?

Huber: "Studiert" ist ein bisschen übertrieben. Ich war vier Semester eingeschrieben und ab und an zum Essen in der Mensa. Kulturwissenschaften hatte ich gewählt, weil das vom Fachgebiet am ehesten zu meinen Interessen passte.

Was ich damit später mal machen können würde, hatte ich mir nicht so richtig überlegt. Ich habe, als ich nach Berlin gezogen bin, im Marketing gearbeitet und mir jeden Tag gewünscht, ich hätte was für diesen Bereich Nützliches studiert. Ich glaube, was "Anständiges" ist aus einem geworden, wenn man glücklich ist, mit dem, was man macht. Meine Eltern sehen das genauso, was ich ihnen hoch anrechne.

Sie schmissen das Studium, wurden Musiker. Sie bezeichnen sich aber selbst als "selbstständigen, mittelmäßigen Musikproduzent und drittklassischen Komponist".

Huber: Ich bin ja wegen der Musik nach Berlin gezogen. Die Stadt bietet einfach mehr Möglichkeiten, was Zusammenarbeit, Platzierung von Songs und Netzwerken angeht. Ich habe nach und nach etwa zwei Jahre vom Musikmachen gelebt und in der Zeit erkannt, dass ich das gar nicht will. Zum einen geht mir das "Business" ziemlich auf die Nerven und zum anderen bin ich einfach nicht gut genug. Ich beherrsche kein Instrument und kann keine Noten lesen. Aus den siebeneinhalb Akkorden, die ich spielen kann, habe ich inzwischen alles rausgeholt, was geht. Seit etwa einem Jahr lebe ich vom Schreiben. Ich habe aktuell eine regelmäßige Online-Kolumne für Icon/Die Welt und bin freier Autor für das Neo Magazin Royale im ZDF. Regensburg und Bayern generell vermisse ich jeden Tag.

Beim Lesen Ihres Buches hat man den Eindruck, dass Sie tief in Ihrem Inneren ein "fröhlicher, glücklicher Spießer" sind, der sich über "fröhliche, glückliche Spießer" gerne ein wenig lustig macht.

Huber: Das trifft es ganz gut. Ich mag Spießigkeit. Ich mag Kaffee und Kuchen am Sonntagnachmittag und renne zum Fenster, um nach dem Rechten zu sehen, wenn im Innenhof ein Geräusch oder ein Nachbar zu hören ist. Ich bin meine eigene Großmutter. Auf der anderen Seite bietet die Spießigkeit viel amüsante Angriffsfläche. Das alles, augenzwinkernd kombiniert mit den Skurrilitäten des Berliner Alltags, lässt einen ein Buch wie meines schreiben.

Ihr Buch enthält eine Hymne auf Bademäntel. Er macht Sie sogar zum Umweltschützer. Lebt man im Bademantel unbeschwerter?

Huber: Ich glaube, Stunden im Bademantel sind einfach die entspannteren. Wir sind heutzutage alle ständig erreichbar. Der Chef hat die Handynummer, man checkt zu Hause Arbeitsmails und hat ein schlechtes Gewissen, wenn man das Smartphone mal außer Hörweite hat. Burnout ist mittlerweile eine Volkskrankheit. Auszeiten sind wichtig. Der Bademantel ist sozusagen der Wellnessurlaub des kleinen Mannes. Wenn ich versuche, abzuschalten, befürchte ich immer, einen Auftrag oder die Mail eines Kunden zu verpassen. Aber gerade dieses Abschalten muss man einfach lernen.

Sie beschreiben die Welt um sich herum, die Menschen darin, die Ereignisse, die Ihnen seltsam vorkommen. Wie werden die Leser Ihr Buch empfinden?

Huber: Ich hoffe, die Leser empfinden die Geschichte und die Situationen in meinem Buch als so unterhaltsam, wie ich in dem Moment. Es ist wahnsinnig schön, wenn man Menschen zum Lachen bringt. Eine Freundin hat mir letztens eine SMS geschrieben, dass sie versucht hat, ein Kapitel meines Buchs einer Bekannten zu erzählen, es aber nicht geschafft hat, weil sie beim Nacherzählen Schluckauf vor Lachen bekommen hat. Das ist mit das größte Kompliment.

Fruchtfliegendompteur ... Kann man Fruchtfliegen bändigen?

Huber: Vermutlich kann man das nicht. Aber es wäre praktisch. Wenn so eine Fruchtfliegen-Clique einem schon den ganzen Abend um das Weinglas surrt, oder es sich im und um den Obstkorb häuslich einrichtet, sollten die Tierchen wenigstens auch etwas zum Haushalt und zum Wohlbehagen beitragen. Ein Hund bewacht die Haustür und ist einem bedingungslos treu. Eine Katze lässt sich wenigstens ab und an mal streicheln. Fruchtfliegen könnten zumindest mal versuchen, zusammen die Mülltüte raus zutragen.
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