Im Degginger über Kunst nachdenken
Wie sich eine Stadt ihrer selbst bewusst wird

Den Kunsthistorikerinnen Caroline-Sophie Ebeling (links) und Maria Lang ist bewusst, dass sie nur Zwerge sind, die auf den Schultern von Riesen stehen. Bild: Geiger
Kultur
Regensburg
08.07.2016
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"Kunst geschichtet" - das "Degginger" in Regensburg beherbergt nicht nur die "Kleinste Galerie", sondern hat mit dem Kultur-Montag etwas etabliert, bei dem über Kunst, Kultur und Geschichte nachgedacht wird.

Superlative ziehen immer. Aber was soll man machen, wenn man partout keine Quantität zu bieten hat? Und sich aufs Qualitative versteifen will? Richtig: Man orgelt nicht vollmundig herum, von wegen "big, bigger, am biggesten", sondern übt sich in maximaler Bescheidenheit. Und konzentriert sich aufs Vorhandene. Und nennt den Kreativraum, der für Ausstellungen zur Verfügung steht, kurzerhand: "Kleinste Galerie".

Das war wohl der Gedanke, der die Macher vom "Degginger", dem Treffpunkt der Kultur- und Kreativ-Wirtschaft mitten in Regensburg in der Wahlenstraße gelegen, angetrieben hat. Seit April findet jeweils zu Monatsbeginn der "Kulturmontag" statt - und was sich da beim Juli-Termin so alles versammelt, nicht nur an Publikum, sondern auch thematisch, das hat seinerseits durchaus etwas von der Superlative.

Tiefe und Schärfe


Denn die Kunsthistorikerinnen Caroline-Sophie Ebeling und Maria Lang, beide beschäftigt bei den Museen der Stadt Regensburg, bieten nicht nur einen auf Schulstundenlänge zurechtgestutzten, fabelhaften Parforceritt durch die Kunstgeschichte, bei dem sie sich offenkundig vom Geschwindigkeitsrausch der italienischen Futuristen inspirieren hatten lassen.

Sie zeigen auch, in Zusammenarbeit mit dem ebenfalls in Regensburg beheimateten Künstlertrio "Paradoxa", in der "Kleinsten Galerie" die wunderbare Ausstellung "Kunst geschichtet". Den Boden haben sie dafür mit einer spiegelnden Folie beklebt: So verdoppelt die "Kleinste Galerie" schwuppdiwupp beim Blick nach unten nicht nur ihr Volumen.

Wie ein Geologe


Auch die zu Säulen aufgetürmten Bücher - allesamt kanonisierte Werke der Kunstgeschichte - gewinnen dadurch an Tiefe und Schärfe. Und vermitteln so einen in die griffige Sprache des Bildes überführten Eindruck davon, dass jede Beschäftigung mit der Vergangenheit auch ein Hinabsteigen bedeutet, in die Tiefe. Und dass dabei verborgene Schicht zutage treten und dass der Vergangenheitsforscher am Ende auch nichts anderes ist als ein Geologe: Einer, der Sedimente freilegt. Regensburg stand vor ein oder zwei Generationen noch im Ruf des "mittelalterlichen Wunders". Das ist es natürlich noch immer - aber gleichzeitig ist es auch so viel mehr.

Denn wie hat sich die Stadt in den letzten Jahren doch entwickelt und verändert. Heute steht es als Weltkulturerbe mitten im Hier und Jetzt, ist wichtiger Wissenschaftsstandort, Entwicklungsmotor der Wirtschaft und Heimat alteingesessener wie auch neuer Bürger.

Alles, was man hat


Dass nach diesem avancierten Zugriff aufs kunstgeschichtliche Kulturreferent Klemens Unger hinterher höchstpersönlich die Zuhörer aus dem "Degginger" noch nach St. Emmeram entführt, um sie dort einer mit eigens eingerichteten Lichtperformance auf erleuchtete Weise durch dieses "Bayerische Nationalheiligtum" zu führen, das entspricht ganz und gar diesem Gedanken: Schicht für Schicht das freizulegen, was diese Stadt zu bieten hat.

Das bedeutet keineswegs, dass man zurück will, ins Hoch- oder ins Spätmittelalterliche. Sondern, mit dem "Degginger" ist ein diskursiver Ort entstanden, an dem im Duktus unserer Gegenwart die reiche Vergangenheit präsentiert werden kann. Die Stadt macht ihren Bewohnern damit ein Angebot: Nachdenken über sich selbst. Sich seiner selbst bewusstwerden. Dazu gehört nicht nur der Blick in den Spiegel, sondern auch in die Tiefen der Vergangenheit. Nur wer Bescheid weiß, darf in Superlativen denken und kann, jenseits aller Bescheidenheit, wahrhaft selbstbewusst sein.

ServiceDas "Degginger" (Wahlenstraße 17) ist geförderter Raum für die Kultur- und Kreativwirtschaft der Stadt. Es ist ein Ort, an dem sich die Interessierte austauschen können. Die nächsten Kultur-Montage finden am 1. August, 5. September, 3. Oktober, 7. November und 5. Dezember statt. Die Ausstellung "Kunst geschichtet" ist bis zur ersten Augustwoche geöffnet. Eintritt frei. (peg)

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Weitere Informationen:

www.regensburg.de
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