Kafkas "Prozess" in Regensburg
Unterhaltsames surreales Theater

Josefs Onkel (Patrick O. Beck), der kranke Advokat Huld (Gunnar Blume) und Josef (Benno Schulz) können nichts gegen das Schicksal Josefs ausrichten (von links). Bild: Jochen Quast
Kultur
Regensburg
01.06.2016
167
0

Von Stefan Rimek

Regensburg. Einen Roman von Franz Kafka auf die Bühne zu bringen, birgt gleich mehrere Herausforderungen. Denn zunächst muss überhaupt einmal eine Theaterfassung her, die dem eigenständigen Charakter dieser Werke gerecht wird, was gerade bei Kafka alles andere als einfach ist. Zweitens muss die Regie einen Spagat zwischen dem dadaistischen Element und der Transparenz für das Publikum machen und drittens müssen die Schauspieler diesen Spagat durch ihre Qualität auch umsetzen können.

Mit Bravour


Bei der jetzigen Produktion von Stephan Teuwissens Theaterfassung von Kafkas Roman "Der Prozess" stellt sich das Theater Regensburg diesen Herausforderungen mit Bravour. Schon die Dramatisierung des Romans durch den Schweizer Autor Teuwissen verdient Lob, weil sie der Regie ein gutes Potenzial bietet, alle Aspekte umzusetzen. Und genau dieses Potenzial weiß Regisseurin Mélanie Huber beeindruckend zu nutzen. Sie schafft die Gratwanderung zwischen den dadaistischen und surrealen Einflüssen auf der einen Seite und dem Anspruch, nicht in einen abstrakten Sumpf abzurutschen auf der anderen Seite, mit einem beeindruckenden Konzept.

So lotet Huber das hier zweifelsohne vorhandene humoristische Potenzial filigran aus und gestaltet somit sogar Kafkas surreale Aspekte unterhaltsam. So amüsiert es, wie sich der kranke Advokat Huld langsam aus seiner Bettwäsche schält, wie Josef seinen Brief an Fräulein Bürstner dem Publikum vorliest, während die anderen Bühnenakteure durch einen offenen Umbau bewusst stören oder wie Frau Montag ein dadaistisches Lied über ihr liegengelassenes Handtäschchen singt.

Überhaupt bereichern die gesungenen Passagen, die vom Schweizer Komponisten Martin von Allmen komponiert wurden, diese Produktion auf überraschende Weise, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Die Regisseurin Mélanie Huber hat die Bewegungsabläufe durchwegs gut durchdacht und die Bühnenbildnerin Nadia Schrader sowie die Kostümbildnerin Lena Hiebel schaffen durch rasch verschiebbare Kulissen beziehungsweise die leicht schrägen Kostüme das passende Ambiente.

Lob an Akteure


Bei dieser Produktion muss man allen Bühnenakteuren großes Lob aussprechen. Brillant agiert Benno Schulz in der Partie des Josef. Allein schon wie er sich für die Wirkung seiner Worte Zeit nimmt und wie gekonnt er die Stille einsetzt, hat höchstes Niveau. Aber auch Patrick O. Beck, Gunnar Blume, Jacob Keller, Christin Wehner, Franziska Sörensen und Susanne Berckhemer, die alle zwischen drei und sechs verschiedene Figuren verkörpern, lassen in Bezug auf die Ausdrucksstärke nichts vermissen.

So ist der intensive Schlussapplaus im gut besetzten Regensburger Theater am Bismarckplatz in jeder Hinsicht gerechtfertigt.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.