Kenner menschlicher Grundbefindlichkeiten

Bernhard Setzwein gelingt es, ein Porträt des tschechischen Schriftstellers Bohumil Hrabal zu zeichnen, das dem Theaterbesucher dessen Gedankenwelt und künstlerische Arbeitsweise nahe bringt. Hier auf dem Bild ist Setzwein im Literaturhaus Oberpfalz zu sehen, die zuletzt eine Hrabal-Ausstellung präsentierte. Bild: Ursula Daschner-Setzwein
Kultur
Regensburg
19.05.2015
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Bernhard Setzwein hat dem 1997 verstorbenen tschechischen Schriftsteller Bohumil Hrabal ein komisches Denkmal für die Theaterbühne errichtet. Im Interview blickt er der Premiere entgegen und erzählt von seiner Leidenschaft.

Ein Mann sitzt inmitten eines zugewachsenen Gartengrundstücks, er schaut durch einen Feldstecher, auf dem Schoß hat er Heft und Stift liegen. Dieser Mann, Mitarbeiter des Stb, also des Geheimdienstes der Tschechoslowakei, beobachtet die nachbarliche Datscha, in der Bohumil Hrabal (1914-1997) lebt, einer der bedeutendsten tschechischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. So beginnt Bernhard Setzweins Theaterstück "Hrabal und der Mann am Fenster", das am Samstag, 6. Juni, im Theater am Haidplatz in Regensburg Premiere feiert. Die Kultur-Redaktion sprach mit dem Autor:

Von Ihnen stammt der wunderschöne Satz, dass Ihre Weltanschauung eine Grenzanschauung sei. Wie wichtig ist denn der Blick über den Tellerrand der Grenze für einen Schriftsteller?

Bernhard Setzwein: Das ist die Frage, wie man Tellerrand definieren möchte. Ist die eigene Nationalliteratur schon eine Art Suppenschüssel, in der immer dieselbe Nudelsuppe schwappt, um einmal mit Thomas Bernhard zu sprechen? Ich jedenfalls hab' immer gerne in die Nachbarländer geschaut, was da so geschrieben wird. Schon als Schüler war mir die teutonische Verbiesterung a la Grass, Böll, Hochhuth irgendwann zu eng. Ich hab' angefangen, die Mittelosteuropäer mit großer Begeisterung zu lesen, Autoren wie George Tabori, Péter Esterházy, aber auch Franz Kafka, den ich für einen herausragenden Humoristen halte, und Bohumil Hrabal natürlich.

Da trifft man immer wieder auf eine besondere Art von Humor, die mir vielleicht sehr entsprochen hat? Ein Beispiel aus einer Hrabal-Erzählung: Eine Frau will für ihren Mann ein Hemd kaufen. Im Laden weiß sie dessen Kragenweite nicht. Sie will schon gehen, dreht sich an der Ladentür noch einmal um, zeigt der Verkäuferin ihre zusammengekrallten Hände und sagt: "Wenn ich ihn würge, mache ich immer so." Die Verkäuferin misst ab, Hemd hat gepasst.

Und wo rührt das genau her, Ihre Leidenschaft für Bohumil Hrabal?

Setzwein: Na, genau daher. Gibt es eine einsichtigere, menschenwärmere, letzten Endes humorvollere Art, eheliches Zusammenleben zu beschreiben? Sie finden solche Perlen in jedem von Hrabals Bücher zuhauf, angewandt auf alle großen Menschheitsthemen: Liebe, Tod, Politik, Arbeit. Da geht es oft sehr existentiell zu, das schließt die humorige Art ja überhaupt nicht aus. Hrabal ist schlicht ein großer Kenner der menschlichen Grundbefindlichkeit. Man weiß bei ihm nie: Soll man lachen oder weinen.

Dazu kommt noch etwas: So sehr das immer wie absichtslose Kneipenplauderei daherkommt, gleichzeitig ist es literarisch-poetisch höchst raffiniert. Hrabal war ja auch enorm belesen. Aber er setzt halt einen Platon neben den Stammgast in der heruntergekommensten Arbeiterkneipe in Prag-Liben, zum Beispiel.

Das zeichnet Ihr Werk ohnehin aus: Dass Sie sich meist in verehrender Geste mit Künstlerkollegen auseinandersetzen ...

Setzwein: Ja, stimmt, gelegentlich unterhalte ich mich gerne mit den Altvorderen, bei denen man halt doch einiges lernen kann. Und: Aufgrund akuter Verstorbenheit sind die wenigstens still und quatschen einem nicht dauernd dazwischen.

Die eigentliche Hauptfigur betritt erst spät die Bühne - vorher, da ist zunächst nur der Spitzel, der auf ihn, den Schriftsteller, angesetzt war, zu sehen - und von dem das Publikum über Hrabal erfährt. Ausspähen und Spionieren, überhaupt, das Freund-Feind-Verhältnis im konspirativen Bereich - das ist ja ein ebenso heißes wie aktuelles Thema, wenn man an die BND-NSA-Affäre denkt?

Setzwein: Damit das klar ist: Mein Stück ist zeitlos. Lassen Sie sich ja nichts anderes einreden. Weil ich schon gehört habe: Jetzt kommt der wieder mit dem Hrabal, der schon 18 Jahre tot ist, und den alten kommunistischen Zeiten. Erstens ist Hrabal ein Weltliterat und seine Art, das Leben zu betrachten, universell. Zweitens, Sie sagten es schon selber, der Kommunismus mag untergegangen sein, bestimmte Praktiken leben weiter. Und zwar das Leben von Untoten, die zu immer noch größerer, will sagen furchteinflößenderer Professionalität auflaufen. Was ist doch der arme Spitzel Dutky in meinem Stück für ein Würschtel gegen die heutigen Herrschaften hinter ihren Joysticks.

Einen Autor zwischen den Buchdeckeln zu entdecken und lieben zu lernen, das ist das eine. Wie ist das, einer solchen Kopfgeburt Flügel verleihen zu müssen, dass sie den Weg auf die Bühne findet?

Setzwein: Da heißt es sich, schlicht und ergreifend, in ganz konkrete Szenerien hinein zu versetzen. Wenn ich so ein Stück zu schreiben anfange, habe ich alles glasklar vor Augen. Ja, nicht nur vor Augen, sondern auch vor den Ohren und vor der Nase. Ich weiß, wie es da aussieht, was geredet wird, welche Art von Licht durchs Fenster fällt, welche Art von Geruch dort herrscht. Ehrlich gesagt, wenn man so weit einmal ist: Da macht es schwupps und das Stück ist fertig.

Wenn man als Autor die Kärrnerarbeit am Schreibtisch geleistet hat, bekommt man nicht auch große Lust, die Figuren und den Plot, also all das, was man da ersonnen hat, selbst in Szene zu setzen?

Setzwein: Bislang war ich da immer für strenge Arbeitsteilung. Ich schreib das Stück, zum Leben erwecken sollen es andere. Anders geht's eh nicht. Das ist die Grundregel von Theater: Nur im Teamwork.

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Weitere Informationen und Karten unter:

http://www.theater-regensburg.de oder 0941/5072424
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