Künstler Jürgen Böhm baut neue Miniaturzelte auf
Vom Heiligenbild zur Unterwelt

In der Ausstellung "Diwan" stellt die Kunstpartner-Galerie in Adlmannstein zwei unterschiedliche Künstler aus der Region vor. Unser Bild zeigt das Galeristenpaar Wilma Rapf-Karikari und Ingo Kübler zwischen Jürgen Böhms Zelt-Installation "Elysien 3.0". Bild: Scheiner
Kultur
Regensburg
18.06.2016
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"Schiffchen versenken" wollte der Regensburger Künstler Jürgen Böhm vermutlich nicht spielen. Dennoch hat der gestiegene Wasserpegel seine Installation Anfang Juni in Regensburg weggeschwemmt.

Adlmannstein. Die 15 beleuchteten Zelte schwammen auf der Donau und waren mit Stahlseilen verankert. Ähnliches passiert auch immer wieder Menschen, die auf der Flucht sind und in Zelten campieren oder auf seeuntüchtigen Booten in Gefahr geraten. An diese sollte Böhms Kunstaktion erinnern. In der Kunstpartner-Galerie in Adlmannstein (Kreis Regensburg), hat der Nabburger jetzt wieder Zelte installiert - diesmal auf dem Trockenen.

Wie ein Schwimmbecken


Dennoch erinnern die 49 fragilen Miniaturzelte, auf unterschiedlich hohen Stäben montiert, in dem historischen Gemäuer auch an eine Situation des Gefährdetseins, der Unsicherheit, der Schutzlosigkeit. Das langgestreckte, schmale Tonnengewölbe wirkt wie ein Schwimmbecken. Leicht angestoßen, treiben die schwankenden Zelte darin auf einmal wie in einem Fluss einer ungewissen Zukunft entgegen. Neben seinem - verkäuflichen und von der Großmutter vorab einzeln genähten - "Elysion", benannt nach der griechischen Bezeichnung für die mythologische "Insel der Seligen", hat Böhm noch ein weiteres, unverkäufliches Raumkunstwerk für die Ausstellung geschaffen.

In einer vorgefundenen Abbruchsituation im alten Eiskeller des ehemaligen Gasthauses gestaltete er aus indirektem Licht, Laser, Klängen und verschwommenen Arbeitsgeräuschen ein fantastisches Erlebnis. In dieser kühlen, dunklen Höhle, wo sich Augen und Ohren erst langsam gewöhnen müssen, laufen alle Sinne auf Hochtouren und werden mit immer neuen surreal-traumhaften Eindrücken befeuert. Ein tatsächlich einmaliges Erlebnis, gegen das ein aufregender Science-Fiction-Film oder selbst ein Fußballspiel ziemlich reizlose Ereignisse sind.

Dichtes Geflecht


Aus dieser entrückten (Unter-)Welt kommend, trifft man im zweiten, größeren Galerieraum auf seriell-zeichenhafte Bilder des bei Regensburg lebenden Peter Nowotnys. Digital erzeugte, gesichtslose Figuren sind eingebettet in ein dichtes Geflecht ornamentaler Strukturen und linkisch-eckiger Formen. In querformatigen Reihungen, die wie ein Fries aufgebaut sind, wiederholen sich diese unpersönlichen Figurengruppen und unterscheiden sich durch darüber liegende, geometrische aufgebaute und verschiedenfarbige Gitter- und Liniengeflechte.

Häufig drängt sich ein Eindruck kühl berechneter Abstraktion auf. Der lässt viele Betrachter erst einmal emotional eher kalt oder verwirrt sogar. Assoziationen an mittelalterliche oder üppig-orientalische Ornamentik, hervorgebracht durch das "Bilderverbot", stellen sich ein. Dazwischen schieben sich ikonografische Vorstellungen von Heiligenbildern und religiöser Überhöhung. Das hat mit der flächigen Anordnung zu tun, die keine perspektivische Wirkung zu kennen scheint, und der großzügigen Verwendung von Gold als Farbe für den Himmel. Noch heute werden die Ikonen der orthodoxen Kirche nach diesem Muster gestaltet, das auch die Malerei vor der Renaissance beherrschte.

Streifzug durch die Kunst


Nowotny ist ein künstlerischer Fuchs und intellektueller Finder, der die Geschichte von angewandter und freier Kunst durchstreift, um daraus seine hoch dekorativen Pop-Ikonen zu gestalten. Manchmal fühlt man sich dabei an strenge, frühmittelalterliche Darstellungen erinnert, in denen die Heiligen und Figuren alle mit gleichen Lächeln nebeneinander sitzen. Ein anderes Mal an die Ranken und floralen Verzierungen in der ornamentalen Bilderwelt des Islams.

Bei der Eröffnung der Ausstellung, die auch im Titel "Diwan" an die Schnittstellen östlicher und westlicher Bilderwelten erinnert, ging Nowotny auf einige dieser kunsthistorischen Zusammenhänge ein. Vergnügt erläuterte der 63-jährige Diplom-Ingenieur und multimediale Künstler, worauf er in seiner künstlerischen Betätigung Bezug nimmt. Und nach und nach kann man schließlich eine Vorstellung von den geheimnisvollen Kräften und Ideen gewinnen, die den Zugang zu Nowotnys Bildwelten ermöglichen. Eine Kunst, die nicht emotional überwältigt, sondern an die man sich über eine intellektuelle Auseinandersetzung langsam herantastet.

ServiceAusstellung: "Diwan" mit Jürgen Böhm und Peter Nowotny bis Samstag, 10. Juli.

Ort: Galerie "Kunstpartner", Altenthanner Straße 1, 93170 Adlmannstein.

Öffnungszeiten: Mittwoch von 18 bis 20 Uhr und Sonntag von 14 bis 17 Uhr.

Kontakt: Telefon 09408/1316.

Veranstaltung: Samstag, 9. Juli, 19 Uhr: Alla Churikova, Eisbaderin, Dickmadam & Co (animierte Kurzfilme aus Salz und farbigem Sand), mit Anmeldung

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Weitere Informationen:

www.kunstpartner.eu
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