Kulturschmiede in Pilsens altem Straßenbahn-Depot

Restart - Neustart: Cestmír Suskas gewaltige Stahlkonstruktionen passen in mehrerlei Hinsicht zum Depot 2015. Der weltweit renommierte tschechische Bildhauer und Grafiker konstruiert mit aussortierten Metallobjekten skurrile Türme und Tonnen mit faszinierenden Durchblicken und verspielten Ornamenten. Und auch beim ehemaligen Straßenbahn-Depot drückte der Stadtrat auf die Reset-Taste. Bilder: Herda (3)
Kultur
Regensburg
02.12.2015
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Es war einmal ein ehemaliges Straßenbahndepot, für das niemand eine Verwendung wusste. Bis die Kulturhauptstädter feststellten: Der Boden des Brauereiareals Svetovar, wo ein Kulturzentrum entstehen sollte, ist verseucht. Da dachten die Pilsener an ihr altes Depot und ernannten es zum Standort für Kreativwirtschaft.

Der Begriff der Kultur- und Kreativwirtschaft geistert seit 2007 durch die öffentliche Debatte. Damals startete die Bundesregierung die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft, um die Wettbewerbsfähigkeit der Branche zu stärken. Und auch Pilsens Partnerstadt Regensburg sprang auf den Zug auf.

4000 Kulturjobs

Oberbürgermeister Joachim Wolbergs, selbst jahrelang Kulturmanager, und Bürgermeister Jürgen Huber, im früheren Leben Künstler, sehen in Zeiten gesättigter Märkte das "Andere", eine Metapher für die Kunst, auch als Wirtschaftsfaktor. "Im Kulturbereich hatten wir 2014 Umsatzerlöse von 427 Millionen Euro und rund 4000 sozialversicherungspflichtige Jobs", sagt Stefanie Schöntag, federführend bei diesem Thema im Amt für Wirtschaftsförderung. "Das ist für Regensburg eine Hausnummer, die man nicht vernachlässigen sollte", kommentiert Huber.

Das Engagement der Partnerstadt hat offenbar auch Pilsens Kulturhauptstadtmacher inspiriert. "Wir müssen uns nach dem Kulturhauptstadtjahr mit der geplanten, aber nicht realisierten Kulturfabrik auseinandersetzen", sagt Oberbürgermeister Martin Zrzavecký. "Unser Ziel ist es, dort einen Kreativ-Inkubator zu installieren." Vorbilder in Österreich und der Schweiz sollten besichtigt werden. "Wir haben es geschafft, den technologisch-wissenschaftlichen Park zu etablieren, der sich selbst finanziert - das bringen wir auch im Kulturbereich hin."

Kreativwirtschaft ist ein weites Feld: Die gesamte Kulturproduktion von Musik bis Software-Games gehört dazu - Autoren, Buchdrucker, Bühnenmaler, Designer, Informatiker, Filmer, Journalisten, Kunsthandwerker, Maskenbildner, Mediengestalter, Modemacher, Veranstaltungsagenturen, Webdesigner - ohne Anspruch auf Vollständigkeit. So groß ist die Vielfalt im Pilsener Depot zwar noch nicht. "Wir sind ein Areal, in dem sich Kultur und Wirtschaft verbinden", versucht Sárka Krtková eine Statusbeschreibung. Die 36-jährige Pragerin ist im 15-köpfigen Depot-2015-Team verantwortlich für grenzüberschreitende Projekte und das laufende Programm. "Bis Ende 2016 ist unser Projekt gesichert, danach entscheidet der Stadtrat neu - das bremst uns natürlich schon bei der Planung." Die Kulturmanagerin möchte auf alle Fälle noch einen Antrag bei der EU für grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit Regensburg einreichen.

65 000 Besucher seit Juli

Als das neue Depot im August 2014 fertig war und die letzten Straßenbahnen und Busse das Gelände verließen, konnte mit der Renovierung begonnen werden: "Im Februar 2015 ging's hier provisorisch los", sagt Krtková, "die feierliche Eröffnung war am 23. April." Was sich seitdem getan hat, kann sich sehen lassen: Bis zu 20 Ausstellungen im Monat, das Licht-Festival und "Rock for Europe" lockten bis Juli 65 000 Besucher in die Presslova 14. "Und da sind die Besucher des Riesen-Marionetten-Events noch gar nicht mitgezählt."

Vielfalt ist Trumpf im Programm der Macher: Ein Tag der Offenen Tür, ein Street-Food-Festival mit Kochveranstaltungen in 30 Kiosk-Buden und das Näh-Atelier, in dem bereits 200 Frauen aus Stadt und Region Kurse belegten, locken auch weniger kunstaffine Pilsener ins Depot.

Das gilt besonders für den "Maker-Space": "Ganz normale Leute kommen, um unsere Spezialwerkzeuge zu nutzen", sagt Schreiner Stanislav Melka, einer von drei Handwerkern, die für die große Werkstatt verantwortlich sind und den Besuchern Hilfestellungen geben. "An diesem PC haben wir den Holz-Drachen geplant", zeigt der ehemalige Sicherheitskoordinator eines französischen Autozulieferers auf das begehrteste Werkzeug: einen 3D-Drucker.

"Einige Leute bringen auch ihre eigenen Pläne mit." Wer in diesem Atelier seine handwerklichen Ideen realisieren will, muss Mitglied werden - aber bei 900 Kronen (33 Euro) Jahresbeitrag sind auch schon eine Einführung, Workshops und Konzertbesuche enthalten. "In den Sommermonaten kamen viele Familien, um mit den Kindern zu basteln."

Fünf Büros und drei Ateliers, die das Depot künftigen Kulturprofis kostengünstig überlässt, sind bereits vermietet. "Wir wollen die jungen Kreativen unterstützen, damit aus Ideen ein Businessplan wird", sagt Mentorin Sárka Krtková. "Drei unserer jungen Firmen konnten ihre Objekte, vor allem Schmuck, Design, Inneneinrichtung und Licht bei der großen Prager Messe präsentieren", freut sie sich über die ersten Karriereschritte der Talentschmiede.

Solche Erfolge nähren die Hoffnung der studierten Politologin und Kulturwissenschaftlerin, dass der Stadtrat bei der entscheidenden Abstimmung 2016 den Wert des Projektes würdigt: "Manchmal ist es so, dass der Preis eines Geländes steigt, wenn dort zuvor alternative Ideen entwickelt wurden", erinnert sie an den Kauf des ehemaligen Grundig-Areals in Nürnberg. "Die Künstler dort, die uns auch einmal besuchten, hatten den Investor erst auf die Idee gebracht, dass das eine coole Location ist." Gut, man muss ja nicht gleich zu seiner Selbstauflösung beitragen: "Wir hoffen, der Stadtrat registriert einfach, dass diese Verbindung von Kultur und Wirtschaft funktioniert."
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