"KZ überlebt": Fotoprojekt von Stefan Hanke
„Ich bin nicht Opfer, ich bin Sieger“

Der Fotograf Stefan Hanke in seiner Ausstellung "KZ überlebt" in Nürnberg. Bild: Voit
Kultur
Regensburg
30.07.2016
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121 Menschen, 121 Schicksale, 121 Geschichten - und alle haben etwas gemeinsam: Sie haben das Konzentrationslager mit all seinen Grausamkeiten erlebt und überlebt. Und sie sind Zeitzeugen, die noch immer mahnen und an diese schreckliche Zeit erinnern, damit sich so etwas nicht wiederholt.

Ich bete immer, dass Menschen und Völker anderen nicht eine Hölle auf Erden bereiten". Wie gut passt dieser Satz ins 21. Jahrhundert, das zur Zeit so sehr von Kriegen, Anschlägen und Morden geschüttelt wird. Gesagt hat ihn Bogdan Debowski, der, 1928 in der Ukraine geboren, das Konzentrationslager Flossenbürg überlebt hat.

Ihn und 120 weitere Überlebende, Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, aus allen Berufsgruppen, mit allen Glaubensrichtungen hat der Regensburger Fotograf Stefan Hanke für sein Buch "KZ überlebt" porträtiert. Es ist ein wichtiges Buch geworden, das nicht nur an diese schreckliche Zeit erinnert, sondern auch Mut macht, dass es sich lohnt, sich für den Frieden einzusetzen und zu kämpfen. Hanke hat in ganz Europa Überlebende besucht und ihnen die Zeit und den Raum gegeben, ihre persönliche Geschichte, ihr persönliches Schicksal - auch über den Krieg hinaus - zu erzählen. So ist daraus ein bewegendes Dokument von Zeitzeugen geworden, die nicht am verbrecherischen System zerbrochen sind, sondern überlebt haben, die in Schulen gehen, von ihrem Schicksal berichten.

So wie Adam König, 1922 in Frankfurt am Main geboren, der Sachsenhausen, Auschwitz, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen überlebte: "Wer das vergisst, was während der faschistischen Zeit geschah, der kann gezwungen sein, das Geschehene wieder erleben zu müssen." Die Kulturredaktion führte mit Stefan Hanke in seiner Ausstellung im "Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände" in Nürnberg dieses Interview:

Sie haben sich seit Ihrer Schulzeit mit dem Nationalsozialismus beschäftigt. Gibt es einen Schlüsselmoment für dieses Buch?

Stefan Hanke: Ja, Anfang 2010 wurde mein Gruppenbild der Jüdischen Gemeinde Regensburg aus den Achtzigern wieder veröffentlicht. Ich stellte dabei fest, dass von den fotografierten KZ-Überlebenden damals nur noch einer lebte. Da wurde mir sofort klar, wenn ich mein Projekt noch schaffen will, muss ich es unverzüglich und mit ganzer Kraft umsetzen.

121 Überlebende nationalsozialistischer Konzentrationslager haben Sie für dieses Projekt porträtiert. Wie haben Sie diese Menschen "entdeckt"?

Zunächst porträtierte ich Überlebende der bayerischen Konzentrationslager Dachau und Flossenbürg. Diese Zeitzeugen empfahlen mich dann anderen Überlebenden weiter und so konnte ich ein Netzwerk vor allem in Richtung Osten aufbauen. Eine große Hilfe waren dabei viele Besuche von Treffen der Überlebenden verschiedenster Lager und zudem die Recherche im Internet. Alles war sehr zeitintensiv und aufwendig.

Wie haben diese auf Ihre Idee reagiert?

Sehr positiv! Von rund 130 Anfragen habe ich nur eine Handvoll Absagen bekommen. Manche waren schon erstaunt, dass ich mich als "junger Mensch" (geboren 1961) noch dieses Themas annehme. Es sind für mich sogar auch Freundschaften mit Überlebenden entstanden.

Spielte Vertrauen dabei eine große Rolle?

Vertrauen ist die absolute Grundlage meiner Arbeit! Viel Vertrauen konnte ich mir unter anderem durch meine gründliche Vorbereitung für die Treffen erarbeiten. Mein Grundsatz war: Die Zeitzeugen sollen mir über ihr Leben berichten können, ohne durch ein kräfteraubendes Erklären der Vorgänge belastet zu werden. Dies setzte natürlich voraus, dass ich mich vorab historisch gründlich informierte, viele Zeitzeugen honorierten dies entsprechend. Zudem ist für mich selbstverständlich, den Überlebenden auch großzügig mit Fotos zu danken, so konnte auch ich ihnen etwas zurückgeben und eine kleine Freude bereiten.


In der von NS-Architekt Albert Speer in Nürnberg errichteten Halle sind noch bis 6. Januar die Porträts zu sehen. Bild: Voit

Wie lange haben Sie an diesem Buch gearbeitet und wohin führten Ihre Reisen?

Schon 2004 entstanden erste Porträts, und in den folgenden Jahren bereitete ich mich intensiv auf das Projekt "KZ überlebt" vor. Ich recherchierte viel und besuchte ehemalige Konzentrationslager. Von 2010 bis 2014 reiste ich in sieben europäische Länder und fotografierte 121 Überlebende. Mein Weg führte mich dabei von Rom bis an die ukrainische Grenze.

Die Porträtierten haben Ihnen von ihren schrecklichen Erlebnissen erzählt. Wie haben Sie das selbst verarbeitet?

Ich habe in den vielen Gesprächen von entsetzlichen Dingen erfahren, unglaublich, zu was Menschen fähig sind. Diese Dinge sind aber für uns alle, die diesen Terror nicht erleben mussten, kaum vorstellbar. Jede Geschichte ging mir nah, aber sehr berührt haben mich dabei oft kleine Dinge, die ich auch aus meiner eigenen Lebenserfahrung erfassen konnte. So zeigte mir zum Beispiel eine Überlebende ein Bild ihrer Schwester vom ersten Schultag. Dieses Kind wurde etwas später im Gas ermordet. Ich machte ein identisches Foto vom ersten Schultag meiner eigenen Tochter, solche Momente lassen einen nicht mehr so schnell los. Für so eine schwere Arbeit gilt es auch, die Balance zwischen Empathie und der Zurückhaltung der eigenen Person zu wahren. Denn nicht ich stand ja bei den Treffen im Mittelpunkt, sondern die Überlebenden und deren Leben.

Was waren die schönsten Momente?

Sicherlich waren es die Momente des Dankes und der Anerkennung durch die Zeitzeugen. Eine polnische Überlebende von Auschwitz-Birkenau sendete mir zum Beispiel zu Weihnachten Oblaten. Es ist in Polen Brauch, Familienmitgliedern und engen Freunden Oblaten als Zeichen der Verbundenheit zu Weihnachten zusenden. Der vielleicht schönste Moment für mich war, als mir eine tschechische Widerstandskämpferin schrieb: "Zuerst dachte ich, Sie sind ein Fotograf, aber Sie sind ein Porträtist der Seele!".

Gab es auch Augenblicke, an denen Sie ans Aufhören dachten?

Es gab wirklich viele Momente tiefster Frustration, aber aufgeben war für mich nie eine Option!

Ihre Arbeit war ja auch ein Wettlauf mit der Zeit, da die Überlebenden zum Teil sehr hochbetagt waren. Sind Sie auch manchmal zu spät gekommen?

Leider geschah dies immer wieder. In trauriger Erinnerung bleiben mir so manche herzlichen Kontakte zu Überlebenden, mit denen ich schon in Vorbereitung zum Porträt stand. Sie verstarben aber noch bevor es zum Treffen kam. Einmal reiste ich sogar nach Polen und am eigentlich vereinbarten Termin wurde dann der Zeitzeuge beerdigt.

Mit 121 Porträts haben Sie diese Reihe beendet. Warum gerade bei dieser Zahl?

Zuerst hoffte ich, überhaupt 30 Überlebende fotografieren zu können, später lockte dann schon die nahe 50, und eines Tages porträtierte ich meinen 100. Überlebenden. Ich war so neugierig auf all die Schicksale, doch ein unverschuldeter Autounfall in Polen mit Verlust meines Fahrzeugs stellte eine harte Zäsur dar, ebenso die Erkenntnis, dass das Buch nicht noch umfangreicher werden kann. Es gibt keine besondere Bewandtnis mit der Zahl 121, schön ist sie aber trotzdem.

Zur PersonDer Fotograf Stefan Hanke wurde 1961 in Regensburg geboren. In zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland waren seine verschiedenen fotografischen Konzeptarbeiten zu sehen. Hanke erhielt unter anderem den "Fotopreis der Dannerstiftung" (1987), den "Kulturförderpreis der Stadt Regensburg" (2004) und den "Kulturpreis des Landkreises Regensburg" (2013). Seine fotografischen Arbeiten sind in den Büchern "Menschen einer deutschen Stadt" (1983), "Standbilder-Portraits aus der Oberpfalz" (1992) und "Kathedrale im Licht" (2001) veröffentlicht. Weitere Informationen:
www.stefanhanke.com
Sie sind ja Fotograf und Künstler. Wie wichtig war Ihnen dabei der künstlerische Aspekt?

Ich sehe "KZ überlebt" in erster Linie nicht als ein dokumentarisches Projekt. Vielmehr interpretierte ich die Begegnungen mit den Überlebenden künstlerisch mit Mitteln der Fotografie.

Jedem Porträt wird ein Zitat gegenübergestellt, dazu liefern die Biografie des Menschen und eine Bildlegende zur Entstehungsgeschichte zusätzliche Informationen. Diese Bausteine ergeben einen Erzählkreis, aus dem sich immer wieder Sinnbilder und Metaphern entwickelt haben.

Sie haben die Ausstellung unter anderem im Deutschen Bundestag, im Kunstmuseum Solingen, im Bayerischen Landtag und in der KZ-Gedenkstätte Theresienstadt gezeigt. Zurzeit ist "KZ überlebt" im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg zu sehen. Wie wichtig ist es Ihnen, die Bilder gerade an solchen Ort zu zeigen und wie ist bislang die Resonanz?

Die Ausstellung zum Beispiel im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände hat für mich eine besondere Bedeutung. Dieser Ort ist ein Täterort! Die Präsenz der Überlebenden auf meinen Fotoporträts und deren Botschaften schaffen eine gewinnende Gegenwelt, eine bessere Welt und Alternative zu dem destruktiven brauen Geist, der dieses Bauwerk schuf. Darauf bin ich wirklich stolz.

Ebenso bekommt die Ausstellung eine zusätzliche Dimension, wenn Sie an Orten wie in der Massenbaracke der Kleinen Festung der Gedenkstätte Theresienstadt gezeigt wird. So manche der Porträtierten kehrten in Form meiner Porträts an den Ort ihres früheren Leidens zurück und geben dadurch eine klare Mahnung für die kommende Generationen und auch ein deutliches Bekenntnis für das Leben und die Freiheit. Übrigens sahen in Tschechien in drei Monaten rund 40 000 Besucher meine Ausstellung.

Sind weitere Ausstellungen geplant?

Die nächste Station von "KZ überlebt" nach Nürnberg wird im März/April 2017 der Kunst-und Gewerbeverein Regensburg sein, es folgt im Sommer 2017 eine Ausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau, der größten Gedenkstätte der Welt. Dort wird "KZ überlebt" im Fokus der Aktivitäten zum 70. Gründungstages des Staatlichen Museums stehen. Weitere Stationen für Ende 2017 und 2018 sind schon in Planung.

Buchtipp und AusstellungJeder neue Tag barg für Stefan Hanke die Gefahr, einen Menschen weniger kennenlernen zu können, der eine der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte überlebt hat. Beinahe elf Jahre reiste der Fotograf für sein Foto- und Buch-Projekt "KZ überlebt" (263 Seiten, 123 Abbildungen, 39,80 Euro, mit englischem Begleitheft 49,80 Euro, Verlag Hatje Cantz)

Tausende von Kilometern, um die letzten Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrationslager zu treffen. Bei diesen intensiven Begegnungen entstanden Aufnahmen, die uns Geschichte(n) äußerst reflektiert näherbringen. Hankes Bilder sind keine Dokumentationen, sondern Interpretationen dieser bewegenden Begegnungen.


Ausstellung: "KZ überlebt". Porträts von Stefan Hanke. Bis 6. Januar 2017.
Ort: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, Bayernstraße 10, 90478 Nürnberg.
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9-18 Uhr, Samstag/Sonntag 10-18 Uhr.
Info-Telefon: 0911/231-5666.
E-Mail: dokumentationszentrum@stadt.nuernberg.de.
Ausstellungsführung mit Stefan Hanke: Samstag, 19. November und Sonntag, 10. Dezember, jeweils 11 Uhr.

Weitere Informationen:
dokumentationszentrum-nuernberg.de
www.hatjecantz.de


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