Landesjazz-Festival in Regensburg
Alte Männer auf neuen Wegen

Vier Oscars erhielt der mit schwarzem Humor gespickte Film "No Country For Old Men". John Scolfields aktuelles Projekt bezieht sich allerdings auf die amerikanische Volksmusik als Ausgangspunkt für ausgedehnte Improvisationen. Bild: reitz
Kultur
Regensburg
24.10.2016
41
0

Von Louis Reitz

Regensburg. "Ich bin älter als die alle zusammen", so stellt Dusko Goykovich scherzhaft seine Kollegen auf der Bühne vor. Erst vor wenigen Tagen feierte der Trompeter seinen 85. Geburtstag, aber das Alter sieht man ihm nicht an. Es setzt die Trompete an den Mund und verzaubert sein Publikum mit dem ersten Ton. Fest verankert in der Tradition des Hardbop repräsentiert er die "klassische" Ära des modernen Jazz, eine Zeit als das Blue-Note-Label das Geschehen prägte und der Modern Jazz das musikalische Geschehen dominierte.

Frisch und elegant


Mit Scott Hamilton (Jahrgang 1954) hat er einen Partner, der dieses Vokabular ebenso virtuos beherrscht, und die Rhythmusgruppe mit Bernhard Pichl (Piano), Rudi Engel (Bass) und Michael Keul (Schlagzeug) hat diese Musik wohl schon mit der Muttermilch aufgesogen. Frisch und elegant entführen sie in die Zeit, als Art Blakey und seine "Jazz Messengers" die Botschaft verbreiteten, Standards aus einem unerschöpflichen Fundus sind angesagt.

Unvergessliche Melodien wie "Secret Love" oder "I'll Close My Eyes" schleichen sich in die Gehörgänge wenn Dusko Goykovich zum Flügelhorn greift, Erinnerungen am Miles Davis werden wach, wenn die Trompete mit Dämpfer schwebende, intime Klänge in den Raum setzt. Afrikanische Trommelrhythmen prägen Kenny Dorhams Komposition "Lotus Blossom" und bei Paul Chambers "Bass Blues" kann Rudi Engel seine solistischen Talente voll entfalten. Sein kraftvoller Walking-Bass bildet das Grundgerüst des Quintetts. Als Zugabe entführt Dizzy Gillespies "Ow" in die nervöse Zeit des Bebop, und Goykovich versteht es auch dessen typischen Trompetenklang authentisch zu interpretieren.

Drei Gitarristen markieren den Sprung in eine neue Ära: John Scofield, Pat Metheny und Bill Frisell. An ihnen scheiden sich die Geister. Während Puristen ihre Spielweise weitgehend ablehnen, repräsentieren sie für andere die Zukunft des Jazz, eine Musik ohne Grenzen und stilistische Schubladen. Mit seinem aktuellen Projekt "Country for Old Men" greift Scofield ein heißes Eisen auf.

Die sentimentalen Melodien der Countrymusik waren mit wenigen Ausnahmen für Jazzer bisher eher tabu. "Die verschiedenen Genres haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede", meint Scofield. "Man kann alles swingend spielen, dann wird es zu Jazz". Und so nimmt Scofield als Vorlagen Melodien aus dem weiten Bereich der Countrymusik, und ebenso wie John Coltrane halbstündige Improvisationen über populäre Musical-Melodien lieferte, entwickeln die altbekannten Songs ein bisher nicht gekanntes Eigenleben. Da schmeichelt sich eine Melodie ins Bewusstsein, wird zerpflückt und demontiert, ironisch überzogen und verändert, und trotzdem kommt sie immer wieder zum Vorschein oder klingt im Unterbewusstsein mit.

Eigenwillige Tonbildung


Scofields unorthodoxe Spielweise, seine eigenwillige Tonbildung und Phrasierung bilden den Gegenpart zu den einfachen und eingängigen Melodien der Vorlagen. Mit Larry Goldings an der Hammondorgel entstehen Klanggebilde, die man in dieser Form noch nie gehört hat, Grenzgänge zwischen sentimentalen Kitsch, Kinoorgel und hochvirtuoser Kreativität, Satire oder Ernsthaftigkeit.

Oft rezitiert Scofield die originalen Songtexte als Einstimmung, Text und Musik verschmelzen zu einer Einheit, Stimmungen werden aufgebaut. Optimal stellen sich seine Begleiter auf diese Strategie ein. Meist blubbert Steve Swallows Elektrobass gemütlich im Hintergrund, ein Soundteppich über dem sich Großartiges entfalten kann. Bill Stewart ist ein Drummer der Extraklasse. Sein Spiel wechselt zwischen Klanggewittern in Sinn von Elvin Jones, und differenzierten, fast minimalistischen Nuancen, zwischen gewaltigen Polyrhythmen auf allen verfügbaren Trommeln und sparsamen Akzenten auf dem Hi-Hat.

Sichtlich ergriffen


Das Publikum ist sichtlich ergriffen von Hank Williams "I'm So Lonesome I Could Cry" oder Merle Haggards "Mama Tried". Bluesig wird es bei dem uralten Folksong "Wayfaring Stranger". Scofields expressiver Gitarren-Sound geht hier unter die Haut, er könnte auch im Bluesgenre in der ersten Liga spielen. Larry Goldings setzt sich zur Abwechslung an den Steinway-Flügel, aber auch hier geht es nicht ganz ohne Verfremdungen. Die Gruppe hat sichtlich Spaß bei ihrem Auftritt im Velodrom und spielt trotz später Stunde noch eine Zugabe. "Just A Girl I Used To Know", und diese Melodie bekommt man auch lange nach dem Konzert nicht mehr aus den Ohren.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.