Meisterliche Premiere der Schlossfestspiele Thurn & Taxis
Symbiose von Kunstgenuss und Glamour

Kultur
Regensburg
17.07.2016
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Auf hohem künstlerischen Niveau erleben die Schlossfestspiele Thurn und Taxis die anspruchsvollste Premiere der vergangenen Jahre. Im Innenhof des fürstlichen Schlosses steht aber zumindest zu Beginn - neben "Carmen" - eine weitere Frau im medialen Mittelpunkt.

Die letzten Strahlen der Abendsonne lassen die goldene Krone auf dem Dach des Schlosses funkeln. Auf dem Terrain entlädt sich ein heftiges Blitzlichtgewitter, als Fürstin Mariae Gloria und ihr Gefolge die Plätze einnehmen. Unmittelbar rechts neben ihr darf Staatskanzleichef Marcel Huber sitzen.

Die Fürstin hat sich am Freitagabend mit einem schwarzen, pelzbesetzten Wollmantel gegen die Kühle gewappnet: Im Gegensatz zu den vielen Ehrengästen im (leichten) dunklen Anzug und im ausgeschnittenen Abendkleid. Bei 14 Grad ziehen nicht wenige Besucher das Catering-Lounge-Zelt bei Champagner dem luftigen Kulturgenuss vor: Darauf lassen die zahlreichen, plötzlich leeren Stühle nach der Pause schließen. Die tropischen Sommernächte bei den letzten Premieren entsprechen leider (noch) nicht dem deutschen Wetter-Standard. Da die Schrecken der realen Welt selbst "Kunst und Schönheit" einholen, bittet der Impresario der Schlossfestspiele, Reinhard Söll, anfangs um eine Gedenkminute für die Opfer des Terroranschlags in Nizza. Auch der Putschversuch in der Türkei - der Allgegenwart der Smartphones sei Dank - macht rasch die Runde.

Puristische Bühne


Keine Experimente wagt die Staatsoper Prag. Tschechiens Starregisseur Zdenek Troska inszeniert Georges Bizets "Carmen" - eine der weltweit am häufigsten gespielten Opern - klassisch üppig und mannigfaltig. Mit der Verpflichtung des Prager Ensembles toppt der Veranstalter die künstlerische Qualität der Premieren in den Vorjahren bei weitem. Die Bühnenausstattung ist puristisch: Das Rund einer antiken Arena wandelt sich zum Platz vor der Zigarettenfabrik, zur Schmuggler-Schenke und am Ende der Aufführung in eine Stierkampfarena. Opulent und prächtig fallen die Kostüme aus.

Die 1875 uraufgeführte Oper spielt im spanischen Sevilla (und Umgebung) und spiegelt dramatisch-romantisch, aber auch düster und tragisch die idealisierten spanischen Charaktere wider: Unterlegt mit der immer wiederkehrenden "Erkennungsmelodie", dem populären Ohrwurm "Auf in den Kampf". Diese Klänge ziehen sich wie eine Art musikalischer roter Faden durch die gesamte Oper.

Unter den Hauptakteuren gefällt besonders die renommierte Mezzo-Sopranistin Veronika Hajnova in der Rolle als Zigeunerin Carmen: In ihrer Körpersprache wirkt sie höchst sinnlich, anziehend und verlockend; so fällt es ihr leicht, die Männer zu bezirzen. Sie unterstreicht anmutig ihre strahlende Stimmkraft .

Das berühmte "Haar in der Suppe" lässt sich im reichlich verhalten gespielten ersten und zweiten Akt finden. Hier hätten sich viele Zuschauer mehr Mut zum Temperament und zu feuriger Leidenschaft gewünscht. So kommt Luciano Mastro als Don José in der Rolle des Zurückgewiesenen - wie fast das gesamte Ensemble - erst nach der Pause auf Touren. Dafür fallen dann der dritte und vierte Akt um so packender und intensiver aus. Der Bariton Martin Barta als Escamilio in der Rolle des schnöseligen Toreros steht beispielhaft für die glänzende Besetzung, etwa mit Michaela Kapustova und Jana Sibera als Zigeunerinnen, Pavla Vykopalová als Bauernmädchen oder die zwei Schmuggler Vaclav Sibera und Martin Matousek.

Grandioser Chor


Leider übertönt das Orchester die belebenden Einlagen des Knabenchores "Pueri Gaudentes" im ersten Akt. Ansonsten bieten die Musiker um Dirigent Tomas Brauner (übrigens Chef der Pilsener Philharmoniker) eine überragende Leistung. Sie verdient um so mehr Würdigung, als das Orchester quasi "verdeckt" operiert. Die Feinabstimmung funktioniert tadellos. Stimmgewaltig und bestens disponiert präsentiert sich der Chor der Staatsoper. Die akzentuierte Fülle besitzt wahrlich internationale Klasse. Beschwingt und gewitzt zeigt sich das Ballett.

Für den stattlichen Eintrittspreis von bis zu 119 Euro bekommt der Opernfreund in den bekannten Häusern der Welt vielleicht mehr für sein Geld. Mit ihrem unvergleichlichen Ambiente und dem fürstlichen Glamour besitzen die Schlossfestspiele des Hauses Thurn & Taxis jedoch ein Alleinstellungsmerkmal: Was Fürstin Gloria in geradezu genialer Selbstvermarktung clever und smart nutzt.
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