Pater Clemens hilft Obdachlosen und Häftlingen - und empfindet Ohnmacht
"Es gibt überall versteckte Not"

Ganze Wohnungen hat Pater Clemens in seinem alten R4, der ihn bayernweit berühmt gemacht hat, transportiert. "Es ist inzwischen der fünfte", seufzt der autodidaktische Mechaniker Gottes, "leider habe ich nach dem Unfall meinen Funny nicht mehr ganz ausgeschlachtet." Immerhin, die Seitenstreifen außen und eine Latte an Anzeigeninstrumenten innen zeugen davon, dass "Curry" ein Lastesel im Weinberge des Herrn ist. Bild: Herda
Kultur
Regensburg
15.11.2013
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Pater Clemens ist für sich mit wenig zufrieden, aber anspruchsvoll für andere.
 
Pater Clemens mit dem legendären Curry.

Wenn Kirche aussähe wie Pater Clemens Habiger, man müsste sich um sie keine Sorgen machen. Der Kapuziner mit dem Faible für seinen curryfarbenen R4 kennt kein Oben oder Unten, er kennt kein Sie, nur Du, er kennt keinen Besitz, nur das Teilen - und er lässt sich dafür nur ungern loben: "Ich bin doch kein Heiliger", wehrt er sich gegen die Verklärung seiner gelebten Mitmenschlichkeit.

Pater Clemens, in der Tradition von Franz von Assisi, nicht von ungefähr Namenspatron des neuen Papstes Franziskus I., hat sich dein Orden programmatisch der Bescheidenheit verschrieben. Dein persönlicher Einsatz für Obdachlose und Strafgefangene spricht für sich. Hast du Verständnis für die Aufregung um die Verfehlungen des Bischofs von Limburg oder geht dir der Medienhype zu weit?

Pater Clemens: Ich leide. Das ist ein gewaltiger Imageschaden. Ich kenne die Hintergründe nicht im Detail. Aber was klar zu sein scheint, ist die Aufspaltung der Baukosten - und das war offensichtlich eine Trickserei. Da gefallen mir die Aussagen von Papst Franziskus, der kritisiert: "Wir sind keine dienende Kirche mehr, wir sind nicht unter den Leuten." Die Konstantinische Wende 313, als das Christentum Staatsreligion wurde, war nicht unbedingt von Vorteil.

Beide großen Kirchen in Deutschland werden durch Kirchensteuer und andere Instrumente staatlich finanziert. Hältst du diese kirchlich-staatliche Symbiose für gerechtfertigt?

Pater Clemens: Die Kirchensteuer ist ein Relikt der Säkularisation. Auch eine Entschädigung für die damaligen Enteignungen. Umgekehrt ist auch in Ländern wie in Frankreich, wo Staat und Religion strikt getrennt sind und es keine Kirchensteuer gibt, nicht alles besser. Wenn die Kirche auf reiche Spender angewiesen ist, besteht die Gefahr zur Neigung, "wessen Brot ich ess', dessen Lied ich sing'". Und man darf auch nicht vergessen, dass 60 Prozent der Kirchensteuer in Arbeitsplätze fließen.

Befürworter der Kirchensteuer verweisen auf die sozialen und karikativen Leistungen der Kirchen und die Verantwortung für Hunderttausende von Angestellten. Ließe sich das auch anders organisieren?

Pater Clemens: Die Kirchen oder ihre Träger wie die Caritas zahlen solche Leistungen nicht zu 100 Prozent. Kindergärten etwa werden hauptsächlich vom Staat unterhalten. Und auch Bischöfe, Domkapitulare und andere Würdenträger werden vom Staat bezahlt. Wenn etwas ein Herzensanliegen ist, lässt sich alles finanzieren. Man denke nur an KuNo, die Stiftung für die Kinderklinik an der Uni, die inzwischen über zehn Millionen Euro Spenden erhalten hat - erst als die ersten Millionen da waren, sprang der Staat ein.

"Was würde Jesus dazu sagen???", schrieben Besucher in das Gästebuch des Limburger Bistums und meinten damit den millionenteuren Prunk. Ist es naiv, sich auf einen Religionsgründer zu berufen, der ja auch zu völliger Gewaltlosigkeit, Besitzlosigkeit und Toleranz gegenüber Sündern aufrief?

Pater Clemens: Jesus war kein Religionsstifter, man hat einen aus ihm gemacht. Wenn Religiosität zum Ritus erstarrt, wird es einseitig. Das war bei den Azteken nicht anders als bei uns Katholiken. Innerlichkeit und Meditation sind wichtig. Auch Buddhisten meditieren. Auch ein Stabhochspringer muss sich erst einmal vertiefen - aber dann muss er auch springen. Die Botschaft Jesu lautet einfach: "Mensch sein". Was bedeutet das in seiner ganzen Bandbreite? Bei Jesus auf alle Fälle: füreinander da sein, sich einsetzen - Caritas im Sinne von Nächstenliebe.

Dein persönlicher Weg hat dich aus den Klostermauern hinter Gefängnismauern geführt, wo du versuchst, Menschen am Rande der Gesellschaft zu helfen. Ist das ein mönchischer Sonderweg oder sollte dies die Grundintention christlichen Lebens sein?

Pater Clemens: Grundsätzlich steht bei den Christen die Verkündigung der Caritas im Mittelpunkt. Alles, was institutionalisiert wird, verliert an Kraft.

Ist Regensburg eine kalte Stadt?

Pater Clemens: Es gibt wie überall, auch in reichen Städten, versteckte Not. Und weil Regensburg nur eine kleine Großstadt ist, gibt es nichts, wo ein Obdachloser aufgefangen wird. Dazu muss er nach München fahren. Neben den offiziellen Einrichtungen gibt es aber ausgezeichnete Initiativen wie Josef Troidls Strohhalm, Reinhard Kellners Donaustrudel, die Sozialen Initiativen, das SOfA (Soziale Straßenoffensive für Außenstehende).

Eine Stadt reagiert meist erst, wenn sie unter Druck gerät, wenn Leute am Bahnhof herumhängen, dann sagen sie "hoppla, das geht nicht, das ist ja unser Aushängeschild". Mit Polizeimaßnahmen löst man keine sozialen Probleme. Wenn du als Obdachloser auf einer Parkbank sitzt und eine Brotzeit machst, ist das Missbrauch öffentlichen Eigentums - aber nur, wenn du entsprechend aussiehst. Was man nicht sieht, ist die versteckte Obdachlosigkeit. Viele kommen bei einem Kumpel unter. Eigentlich habe ich mir ja vorgenommen, keinen Obdachlosen aufzunehmen, weil ihm sonst der Antrieb fehlt, etwas zu verändern. Aber oft habe ich das nicht durchgehalten. Mal habe ich sie im Sommer im Hof oder bei mir im Gang schlafen lassen. Einer starb bei mir an Krebs.

Welche Hoffnung setzt du in Papst Franziskus I., dass er das riesige Kirchenschiff in eine etwas andere Richtung manövriert?

Pater Clemens: Ich habe selbst oft erlebt, dass kirchliche Würdenträger höchsten Wert auf die korrekte Anrede legen. Franziskus sagt: Wir sind alle Brüder, auch der Papst, der schon mal einen Gläubigen anruft, der ihm einen Brief geschrieben hat und ihm das du anbietet. Es gibt kein oben, kein unten.

Wie anspruchsvoll wäre aus deiner Sicht ein Leben in christlicher Eigenverantwortung für jeden Einzelnen - müssten wir nicht alle auf große Teile unseres Wohlstandes zugunsten derer verzichten, auf deren Rücken die westlichen Staaten ihren Reichtum gründen?

Pater Clemens: Ich kann nicht für andere sprechen oder von anderen etwas verlangen. Aber ich sage schon, dass viele Opfer des Kapitalismus sind. Kapitalisten benutzen Menschen wie Dinge. Wir sollten aber Menschen lieben und die Dinge benutzen. Christen sollten sich nicht um sich selbst drehen, sondern sich um andere kümmern. Wenn europaweit die Rechten die Oberhand gewinnen, dann haben wir Christen versagt. Eine Demo gegen Nazis ist mir zu wenig. Wie wäre es, wenn angesichts der schrecklichen Bilder von Lampedusa der Bischof oder die Fürstin Flüchtlinge aufnähmen?

Lessing hat in seiner Ring-Parabel die Nähe der drei großen Religionen beschrieben - Judentum, Christentum und Islam bauen aufeinander auf. Ist ein Gott vorstellbar, der nach Parteibuch den Zugang zum Paradies regelt?

Pater Clemens: Das Christentum ist für mich eine Weltanschauung, keine Religion. Sein Wesen ist die Menschlichkeit, nicht das Motto, "willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein". Diese Weltanschauung ist so offen, dass jeder daran teilnehmen kann. Glücklich sind die, die im Reich der Menschlichkeit niemandem etwas vormachen müssen. Die Bergpredigt ist die Vision einer neuen Menschlichkeit.

Hast du nie Zweifel daran, dass hinter Urknall, Ausdehnung und Schrumpfen des Weltalls gar kein lenkender Gott steht, sondern etwas Unbegreifliches - so wie die Vorstellung von Unendlichkeit so wenig denkbar ist wie Endlichkeit, denn was wäre dann dahinter?

Pater Clemens: Ist die Schöpfung nur eine Spielerei? Warum ist aus ihr eine creatio continua geworden vom Einzeller über die Saurier bis zu den Säugetieren? Ich weiß es nicht. Ich bevorzuge eine andere Definition: Zufall ist ein anderes Wort für Wunder, wenn der liebe Gott inkognito bleiben möchte. Ich stelle mir vor, dass es uns geht wie einem Käfer, der in einer zweidimensionalen Welt lebt und sich schon 3-D nicht vorstellen kann - was, wenn Gott Teil einer unendlich dimensionierten Welt ist.

Was mich persönlich berührt, ist die Frage, warum die Welt ist, wie sie ist - meine Hilflosigkeit: Warum leiden Menschen und warum kann ich nicht mehr helfen? Und dann gibt es wieder diese Momente, wo ich denke: Und Er wirkt doch: Etwa, als ich mir einmal eine Blutwurst im Pfannkuchen eingebildet habe - beim Netto gab es keine, bei der Norma am Bahnhof auch nicht, aber da traf ich die Frau, die ich seit 17 Jahren nicht mehr gesehen habe. Sie hatte mich gesucht, war verzweifelt, hatte sich vom Partner getrennt und keine Wohnung. Es sollte so sein, oder?
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