Quotenjagd bis der Zombie kommt

Steffi Denks beeindruckender Gesang bringt sogar Zombies zum Tanzen.
Kultur
Regensburg
02.02.2015
40
0
 
Auch Untote können Spaß haben. Bilder: Theater Regensburg
Von Tobias Schwarzmeier

Es soll Fernsehleute geben, die bis zum letzten Atemzug senden. Doch "Durchlaucht TV" geht noch einen Schritt weiter. Bei der Zombie-Apokalypse "Der Sommernachtsalbtraum auf St. Emmeram" in Regensburg geht der mediale Wahnsinn weit über den Tod hinaus.

Dabei kommt die fiktive Talk-Show mit der fürstlichen Moderatorin Viktoria einfach nicht in die Gänge. Während sich erste seltsame Gerüchte über Untote auf den Straßen der Domstadt mehren, bekommt das sinnfreie "Durchlaucht TV" seinen hohen moralischen Anspruch nicht überzeugend vor die Kameras.

Kunststück - Musiker-Urgestein Gerwin Eisenhauer und Regisseur Jens Schmidl vom Theater Regensburg haben in ihrer witzigen Rock-Revue über eine beängstigend authentische TV-Show dafür gesorgt, dass absolut jegliche Political Correctness auf der Strecke bleibt. Nicht Musical, nicht Konzert, nicht Theater ist die "Sommernachtsalbtraum"-Inszenierung bei der Uraufführung am Samstag eine - überaus unterhaltsame - schräge multimediale Collage.

Dabei ist ein Konzept mit drei Gestaltungsebenen - der Zombie-Rahmenhandlung, der Talk-Show mit Einbeziehen des Theater-Publikums sowie viel Rock, Funk und Soul der Regensburger Musikszene um Eisenhauer und Bernd Meyer eigentlich ein Balanceakt. Doch der gelingt. Das Gesamtbild ist stimmig, und es entspinnt sich eine feine, böse Satire. Neben Spitzen gegen reißerische Medien-Formate nimmt sich die Groteske im ausverkauften Velodrom die (Regensburger) Großkopferten und Kirchenvertreter vor.

Lustiges Lokalkolorit

Die Fürstin (Linda Foerster) - jegliche Ähnlichkeiten in Frisur, Kleidung und Sprechweise mit einer gewissen ortsansässigen Aristokratin sind rein zufällig - lässt als Moderatorin ihr Faible für halb-pornografische Kunst durchblicken. Ihre lebenslustige Tochter Liesl (stark: Andine Pfrepper) vernascht in der Werbepause den Stargast Prinz (Markus Engelstädter), der arbeitslose "Bischof" (Michael Haake) entpuppt sich als personifizierter Kirchen-Skandal. Mit Liesls Höschen in der Soutanen-Tasche, und einem Dienst-Ferrari in der Garage plant er einen neuen Vatikan in der Donaustadt mit ihm als Papst.

Auch die Showgäste sind keine moralische Stütze. Da geht etwa das "Neue Geistliche Lied" mit tanzenden Nonnen in Beyoncés glamouröses "Crazy In Love" über. Steffi Denk überwältigt die Zuschauer im Velodrom mit einer umwerfenden Performance. Whitney Houstons "Run To You" erzeugt Gänsehaut. Auch Engelstädter überzeugt mit einem Prince-Medley ("Cream", "Purple Rain").

Schmiedls spritzige Inszenierung zieht alle Register, überlädt das Stück aber nicht. Krisen-Einblendungen des Lokalsenders TVA, Sondereinheiten, die auf die Galerie des Velodroms klettern, sowie blut- und gedärmreiche Special-Effects fügen dem Plot weitere Spannung hinzu. Nerdige Pop-Kultur-Anspielungen wie die unterschwellige Dauer-Reverenz an Quentin Tarantino mit Kill-Bill-Soundeffekten, Ninja-Security-Typen oder einer blutbefleckten Braut begeistern auch Genre-Fans.

Die Protagonisten Foerster und Haake überziehen herrlich, und auch die Nebenfiguren gefallen mit geschärften Charakteren. Bei all diesem galoppierenden Wahnsinn braucht es eigentlich keine marodierenden Zombies, um die Talkgäste zu vertreiben. Doch die Einschalt-Quoten steigen und so bleibt die Kamera drauf. Selbst als ein erster Domspatzen-Zombie durch den Boden ins Studio einbricht.

Wolbergs gerettet?

Schließlich meldet sich Regensburgs (echter) Oberbürgermeister Joachim Wolbergs per Videobotschaft - um den Notstand auszurufen und alle zu beruhigen: Er werde gerettet. Alle anderen versuchen, ins Auffanglager nach Kelheim zu fliehen. Doch es gibt kein Entkommen. Dafür ein aberwitziges Finale mit tanzenden Untoten zu Michael Jacksons "Thriller" und Pharell Williams' "Happy".

Den treffenden Schlussakkord setzen Denk und Engelstädter mit der Regensburg-Minimal-Version von "Barcelona" (Mercury/Caballé). Das hirntote Zombie-Duo schmettert unentwegt nur "Ratisbona" - mehr Inhalt hatte das nun brutal abgesetzte "Durchlaucht TV" ja auch nicht.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.