Regisseur Hendrik Müller überzeugt mit seiner Inszenierung von "Carmen" im Theater Regensburg
Von Pomp befreites Musiktheater

Die schlichte Ausstattung lenkt den Blick auf das Wesentliche: Die großen Gefühle von Carmen (Vera Egorova) und Don José (Yinjia Gong). Bild: Quast
Kultur
Regensburg
28.09.2016
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Regisseur Hendrik Müller lässt das Publikum bei seiner Inszenierung von "Carmen" tief in die Gedankenwelt von Don José eintauchen. Doch auch andere, zum Teil "witzige" Neuerungen machen das Stück auf ganzer Linie zu einem Erfolg.

Natürlich kann man das von Georges Bizet auf das Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy komponierte und 1875 in Paris uraufgeführte Opernwerk "Carmen" auch heute noch mit all dem folkloristischen Pomp, der diesem Stoff immanent scheint, auf eine Bühne bringen.

Aber das kann schnell ins Kitschige abgleiten und würde wohl auch einen großen Teil des Publikums aufgrund zahlreicher Déjà-vu-Erlebnisse ermüden. Vielmehr gilt es heutzutage eine Produktion auf die Beine zu stellen, welche das Sujet vom überflüssigen Pomp entstaubt und dennoch die dramatische Substanz und damit die Fesselungskraft des Werks unbeeinträchtigt über die Bühne bringt. Genau das ist Regisseur Hendrik Müller nun mit seiner Neuinszenierung von Bizets "Carmen" am Theater Regensburg hervorragend gelungen.

Das beginnt schon mit den kleinen Szenen, die vor und zur Ouvertüre zu sehen sind und die andeuten, dass das Klima und zwischen den Geschlechtern im wilden Sevillia des frühen 19. Jahrhunderts nicht gerade als sanft bezeichnet werden kann.

Macho-Gesellschaft


Die Regie, welche hier die Grausamkeiten einer patriarchalischen Macho-Gesellschaft unmissverständlich in Szene setzt und durch eine eher karge, alltagsorientierte Ausstattung von Claudia Doderer sehr gut unterstützt wird, reduziert die Vorgänge auf das Wesentliche und das sind hier nun einmal die großen Gefühle der handelnden Figuren. Und gerade wegen dieser Reduzierung fesseln viele Szenen dieser Inszenierung ungemein. Das gilt auch besonders für den Dialog, in dem Don José versucht Carmen noch einmal umzustimmen. Dass sich unter Müllers Regie Don José entgegen der Originalhandlung nach dem Mord an Carmen selbst tötet, ist sogar konsequenter als wenn er sich einfach nur verhaften lassen würde.

Interessant sind auch die Einfälle, welche die Gedankenwelt Don Josés für das Publikum sichtbar werden lassen. So sieht er durch einen transparenten Vorhang seine soeben verstorbene Mutter in mahnender Geste und auch ganz kurz, wie Carmen und Escamillo sich in seiner Vorstellung küssen, was seine Verzweiflung natürlich bis zur Raserei treibt.

Aber auch für einige kleine witzige Ideen findet Hendrik Müller noch Platz, was durchaus als bereichernd anzusehen ist. Stellvertretend sei hier das Luftgitarrespielen der Schmuggler Remendado und Dancairo genannt. Zur gelungenen Premiere im Regensburger Theater am Bismarckplatz tragen auch die Bühnenakteure bei. Allen voran ist Yinjia Gong in der Rolle des Don José zu nennen. Ihn zeichnet eine in jeder Lage klare Tenorstimme aus und auch seine schauspielerischen Fähigkeiten verdienen Lob. Gong und Vera Egorova als Carmen bringen eine berührend emotionale Tiefe in die Duette.

Souveräne Chöre


Gesanglich sehr stark und mit beeindruckender Bühnenpräsenz agiert Anna Pisareva als Micaela. Aber auch Seymur Karimov als Escamillo sowie all die anderen Bühnenakteure tragen zum hohen Niveau der gesamten Produktion bei. Das gilt ebenso für die von Alistair Lilley gewohnt souverän einstudierten Chöre und das unter Generalmusikdirektor Tetsuro Ban schwungvoll und mit Sinn für Dynamik-Nuancen zu Werke gehende Orchester.

So war der intensive und anhaltende Schlussapplaus an diesem Premierenabend in jeder Hinsicht gerechtfertigt.
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