Regisseur Jens Poth feiert Erfolg mit seiner Inszenierung von "Hungaricum"
Herrlich dadaistische Grenz-Groteske

Ein geradezu surreales Ende erlebt der tödlich angeschossene falsche Polizist Gyula (Gunnar Blume), begleitet vom "jungen Mann" (Patrick O. Beck) auf der Gitarrlele und Sára (Silke Heise). Bild: Jochen Quast
Kultur
Regensburg
30.09.2016
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Das Spektakel "Hungaricum", in welchem an der deutsch-österreichischen Grenze der Gegenwart jeder jeden betrügt, wurde von den Autoren schon mit einer großen Fülle von Pointen geschaffen, lässt aber noch viel Potential für eine Inszenierung. Regisseur Jens Poth weiß dieses auf brillante Weise zu nutzen.

Wenn zum Schluss ein sterbender falscher Polizist, der gerade mit einem Mikrofon von einem Trucker angeschossen wurde, mit den Schwingen eines Greifs über einem Stahlrohr hängt und in der Manier vom legendären Dieter Thomas Heck der 70er Jahre die Verantwortlichen der Produktion unter Schmerzen herunterleiert, dann ist das eine so herrlich durchgeknallte Form von Dada, dass man als Theaterbesucher sein größtes Vergnügen damit hat.

Ferngesteuerte Autos


Deshalb kann man die von den russischen Gebrüdern Presnjakow geschriebene und nun am Theater Regensburg in der deutschsprachigen Erstaufführung von Jens Poth inszenierte Groteske "Hungaricum" jedem empfehlen, der einen Sinn für derartigen Humor und eine derartige Satire hat.

So enthält die Inszenierung einen so großen Reichtum an amüsanten Details und Klischee-Parodien, dass das Publikum von einer belustigend grotesken Situation übergangslos in die nächste geführt wird. Da werden die Autos, die der falsche Polizist Gyula kontrolliert, als ferngesteuerte Modellautos auf die Bühne gefahren, da zwingt das "Mädchen", den sie erpressenden Gyula im Chinarestaurant, in dem sie arbeitet, zu einer anspruchsvollen Partie Twister oder da begeistert ein als Mozart verkleideter junger Drogendealer durch seine beeindruckenden musikalischen Fähigkeiten auf einer Gitarrlele.

Das Bühnenbild und die Kostüme von Nora Johanna Gromer komplettieren durch ihren hohen Grad der Abgenutztheit und den damit erreichten Retro-Charme Poths Inszenierung auf grandiose Art. Insgesamt wird in dieser Vorstellung trotz des hohen Unterhaltungswerts auch der Hintergrund des Stoffes deutlich, der in der Problematik einer zunehmend zerfallenden Gesellschaft gründet, in der es kaum noch Werte oder einen Sozialstaat gibt.

Beeindruckende Präsenz


Ein ganz großes Lob gebührt in dieser Produktion auch allen Bühnenakteuren, die sich intensiv mit ihren Figuren auseinandersetzen und ihnen eine beeindruckende Bühnenpräsenz verleihen. Im einzelnen gilt das für Patrick O. Beck als junger Mann, Gunnar Blume als Gyula, Adine Pfrepper als Mädchen, Susanne Berckhemer als Eva, Silke Heise als Sára und Michael Heuberger in den Rollen des Mózes und des Deutschen.

Der sehr intensive und langanhaltende Schlussapplaus für die Schauspieler und die Regie im Regensburger Theater am Haidplatz war deshalb in jeder Hinsicht gerechtfertigt.
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