"Saul" fernab jeglicher Langeweile

Kultur
Regensburg
29.04.2015
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Vor der Amtszeit des Intendanten Jens Neundorff von Enzberg stand beim Theater Regensburg über 15 Jahre lang keine Barockoper auf dem Spielplan. Aktuell ist mit Georg Friedrich Händels Oratorium "Saul", in einer Inszenierung von Lydia Steier, das zweite Werk aus dem Barock innerhalb von zwei Jahren zu erleben.

Das ist durchaus zu begrüßen, da barocke Musiktheaterwerke oft zu Unrecht ein Mauerblümchendasein in den Spielplänen fristen. Oft fürchten Intendanten, die strikte Aufzählung von Rezitativen und Arien könnte das Publikum langweilen. Natürlich braucht man Regisseure, die ein solches Werk unterhaltsam auf die Bühne bringen.

Keine szenische Handlung

Dieser Herausforderung stellt sich Lydia Steier in einer noch verschärften Weise. Denn Händels "Saul" ist nicht einmal eine Oper aus der Epoche des Barock. Sondern ein barockes Oratorium in drei Akten, das keine szenische Handlung aufweist, sondern durch zehn Vokalsolisten umrahmt von einem großen Chor und einem Orchester die biblische Geschichte des Königs Saul erzählt.

Nach Purcells "Fairy Queen", als Lydia Steier ebenfalls Regie führte und damit begeisterte, ist ihr auch mit dieser Inszenierung ein großer Wurf gelungen. Ihr Gesamtkonzept verlegt die antike Handlung im ersten Akt in ein schwülstig barockes Ambiente, das ab dem zweiten Akt gnadenlos demaskiert und auf die kalte Sachlichkeit der Jetztzeit aktualisiert wird. So entfernen Bühnenarbeiter die barocke Kulisse, gepolsterte Barocksessel werden durch Plastik-Gartenstühle ersetzt und übrig bleiben Stahlcontainer und Ausführende in moderner Straßenkleidung.

Kreative Einfälle

Die Grausamkeiten der Handlung wirken in diesem kalten Ambiente berührend und unmittelbar. Zu diesem überzeugenden Gesamtkonzept kommen kreative Detail-Einfälle wie zwei Neidfiguren in Form von tanzenden und den König beschwörenden Teufelchen oder die unverbindliche Zweigeschlechtlichkeit der Hexe. Das Bühnenbild von Katharina Schlipf und die Kostüme von Ursula Kudrna komplettieren den guten Gesamteindruck der Inszenierung.

Die Bühnenakteure sind sehens- und hörenswert. So gibt der Countertenor Yosemeh Adjei einen stimmlich begeisternden David und Mario Klein einen souveränen König Saul. Anna Pisareva als Michal, Aurora Perry als Merab, Yinjia Gong als Jonathan und Matthias Ziegler als Hexe von Endor tragen zur gelungenen Produktion bei. Alistair Lilley hat die Chöre hervorragend einstudiert und das Orchester zeigt unter der Leitung von György Mészáros Spielfreude und dass es in den Secco-Rezitativen den Generalbass mit Cembalo und Erzlaute passend auslegen kann. Für die Umsetzung der Steier-Inszenierung auf der Bühne gebührt Sebastian Ukena Lob. Der Schlussapplaus am Premierenabend war im fast ausverkauften Haus intensiv.
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