"Schlafe, mein Prinzchen" am Theater Regensburg
Glockenklarer Gesang, sadistische Gewalt

Wer singt als Nächstes falsch und wird dafür an den Ohren gezogen, bis er weint? Die Gesangsstunde wird zur Zitterpartie. Bild: Barbara Braun
Kultur
Regensburg
14.07.2016
80
0

Die Musikauswahl ist mal fröhlich-beschwingt, mal stimmungsvoll-feierlich, die Darbietung der Schauspieler hervorragend. Doch der Jubel bleibt dem Zuschauer im Hals stecken: Eine Kindesmissbrauchs-Szene folgt auf die andere.

Bislang ist "Schlafe, mein Prinzchen" am Theater Regensburg ein "musikalischer Abend", wie es im Programmheft steht, nur in Berlin aufgeführt worden. Am Dienstag hat das Berliner Ensemble das Stück im Theater am Bismarckplatz in Regensburg gezeigt - "dort wo es hingehört", wie an dem Abend immer wieder heißt.

Regisseur Franz Wittenbrink hat "Schlafe, mein Prinzchen" aus einem sehr persönlichen Hintergrund heraus inszeniert. Von 1958 bis 1967 war er selbst Schüler bei den Regensburger Domspatzen - eine "fürchterlich ambivalente Zeit" für ihn. Einerseits habe er eine großartige musikalische Ausbildung genossen, sagt Wittenbrink im Nachgespräch im Anschluss an die gefeierte Aufführung. Andererseits erinnert er sich an "das Prügeln auf den nackten Hintern, das ausgeklügelte System sadistischer Bestrafungen" - und den sexuellen Missbrauch. Letzterem sei er selbst nur entkommen, weil sein Onkel ein prominenter bayerischer Politiker war, glaubt Wittenbrink.

"Fallhöhen" einsetzen


Auf der Bühne findet er jedoch reihenweise mehr oder weniger angedeutet statt, der sexuelle Missbrauch abhängiger Kinder. Es ist teils schwer auszuhalten, das mit an zusehen. Da ist der Schüler, der Heimweh hat und sich einem Geistlichen anvertraut - der ihn dafür auf seinen Schoß zieht und ihn betatscht. Da ist der Chorleiter, der seinen Lieblingsschüler mit Stockschlägen bestraft und sich dabei selbstbefriedigt - "dabei würde ich lieber viel Schöneres mit dir machen". Die Musik nutzt Wittenbrink dabei bewusst für die "größtmögliche Fallhöhe": Wenn der Präfekt in das Bett eines Jungen schlüpft, erklingen gleichzeitig reinste, glockenklare Domspatzen-Stimmen.

Verglichen damit sind die - ebenfalls brutalen - Unterrichts-Szenen fast harmlos. Wer im Klassenzimmer mehrmals stört, dem drohen Schläge. Wer in der Chorprobe falsch singt, muss damit rechnen, dass er an den Ohren gezogen wird. Auch untereinander geht es derbe zu: Mit "Präfektenliebling", "Muttersöhnchen", "Schwuli" werden Mitschüler beschimpft. Hilfe von außen ist nicht zu erwarten. Briefe nach Hause werden überwacht, falls doch mal ein besorgter Elternteil vorbeikommt, weil er von "Vorfällen im Duschraum" gehört hat, wird er schnell abgespeist. Der Junge habe wohl eine blühende Fantasie.

Es ist der Machtmissbrauch von Erwachsenen gegenüber Kindern, der für Wittenbrink im Mittelpunkt steht - und der bei weitem kein alleiniges Thema für die katholische Kirche ist. Das wird insofern betont, als der "musikalische Abend" mit einem abrupten Bruch in die hessische Odenwaldschule schwenkt - die reformpädagogische Vorzeigeeinrichtung, die 2010 etwa zeitgleich mit den Domspatzen von einem Missbrauchsskandal erschüttert wurde.

Auch wenn dort weniger "Zucht und Ordnung" herrscht und die Schüler mit den Lehrern rauchen und Bier trinken - sexuelle Übergriffe bleiben nicht aus. Es ist vor allem auch das Vertuschen, das Wittenbrink anprangert. "Die Ideologen von beiden Seiten machen die Schotten dicht, damit der Goldglanz ihrer Institutionen nicht ins Zwielicht gerät", sagt der Regisseur.

Genugtuung für Opfer


Christof Hartmann, Chormanager der Domspatzen, zeigt sich beim Nachgespräch "betroffen und berührt" von der Aufführung. Er räumt ein: "Es hat lange gedauert, aber jetzt ist die Aufklärung auf einem guten Weg." Wittenbrink entgegnet ihm, dass eine echte Aufarbeitung der Missbrauchsfälle bei den Domspatzen erst ins Rollen gekommen sei, weil eine Gruppe von Opfern über Jahre hinweg keine Ruhe gegeben hat, obwohl sie als Lügner beschimpft worden seien. Für viele Betroffene war die Aufführung von "Schlafe, mein Prinzchen" eine Genugtuung. Sie hatten sich ausdrücklich gewünscht, dass das Stück in Regensburg gespielt wird.

___



Weitere Informationen:

www.theater-regensburg.de

Es hat lange gedauert, aber jetzt ist die Aufklärung auf einem guten Weg.Christof Hartmann, Chormanager der Domspatzen
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.