Schrödingers Katze fängt die Erzählmaus

Das Theater Regensburg zeigt mit Konstantin Küsperts "pest" bereits die zweite Arbeit des gebürtigen Oberpfälzers. In den Hauptrollen sind unter anderem (von links) Jacob Keller, Patrick O. Beck und Ulrike Requadt zu sehen. Bild: Jochen Quast
Kultur
Regensburg
23.11.2015
123
0

Der Dramatiker Konstantin Küspert wurde 1982 in Regensburg geboren. Mit dem Stück "pest", dessen verstörend-dystopische Handlung in drei parallel existierenden Universen dahinwuchert, zeigt das Theater seiner Heimatstadt in der Spielstätte am Haidplatz nach "mensch maschine" bereits die zweite Arbeit aus seiner Feder.

Eigentlich, lieber Leser, sollten Sie jetzt, in diesem Augenblick, da Sie diesen Text lesen, ein Display in Händen halten. Und sie sollten per Button entscheiden können, ob Sie lieber gleich das erfahren wollen, was das Kerngeschäft des Rezensenten ist - oder ob Sie ein paar fürs Gesamtverständnis durchaus relevante Fakten hören wollen? Ah, Sie haben sich für Ersteres entschieden? Schade. Aber trösten Sie sich: In einem anderen Universum, in einem Alternativzustand Ihrer Existenz, da hat der Autor diesen Text bereits in veränderter Variante abgeliefert, mit kräftiger Kritik gleich im ersten Satz und Vollverriss im Fortlauf. Versprochen! Aber zurück in unser hiesiges Jammertal - und zur Vorgeschichte: Seit die Quantenphysik nämlich als vorherrschende Schulweisheit in den Naturwissenschaften gilt, seit den Zeiten Max Plancks also, da wurde offenbar, dass im Himmel und auf der Erde unterschiedliche Gesetzlichkeiten gelten.

In einem dunklen Kasten

Das, was die Welt im Innersten zusammenhält, das muss noch lange nicht für ihre Peripherien und Extremitäten Gültigkeit haben. Dem österreichischen Physiker Erwin Schrödinger ist zu verdanken, dass er diese zutiefst verstörende Inkompatibilität erzählerisch auf den Punkt gebracht hat, und zwar mit der Geschichte einer Katze. Diese, so lautet die Versuchsanordnung, ist eingesperrt in einen dunklen Kasten - das heißt: Niemand kann von außen beobachten, was innen passiert. Ihr Leben hängt am seidenen Faden der Frage, ob nun ein bestimmtes Atom zerfällt oder nicht. Schrödinger schließt so die molekulare Innen- mit der lebendigen Außenwelt kurz - und kommt zu dem Schluss: Die Katze befindet sich in einem letztgültig nicht beschreibbaren Doppelzustand, der die Chance des Lebens ebenso erfasst wie die des Todes. Ja, alles sei möglich, beide Quantenzustände nebeneinander.

Diese dramatische Situation nun, dass unser Leben (und dementsprechend auch das aller anderen Lebewesen) in Fantastilliarden von Alternativzuständen zerfällt - davon geht Konstantin Küspert in "pest" aus. Alles was der Fall sein kann, erlebt seine wie auch immer verbeulte Realisierung in Paralleluniversen.

Drei solcher Szenarien werden durchdekliniert, von den fünf Schauspielern. Aus der wiederkehrenden Ausgangssituation eines höchst autoritären Vaters, der seinen pubertierenden Sohn vor die Alternative stellt "Fußball oder Schule?", entwickelt sich jeweils ein aufs Neue pessimistisch ausuferndes Spiel, das eingebettet ist in verschiedene Endzeitszenarien, Vatermord, atomarer Super-GAU und Staatsversagen inklusive. Das klingt vordergründig ganz interessant - ist es aber leider dann doch nicht. Denn wirkliche Spannung baut sich kaum auf, angesichts dieser dreifach gebrochenen Handlung - da frisst Schrödingers Katze bald die gute alte Erzählmaus, und killt den Spannungsverlauf ebenso wie dramaturgische Höhepunkte.

Außerdem inszeniert unsere Gegenwart im Augenblick ja ohnehin so überzeugend ihr realistisches Drama, dass man sich auf der Theaterbühne tatsächlich eine Art von ästhetischem Keynesianismus herbeiwünscht: Antizyklisches Verhalten und positiv-utopische Handlungsverläufe!

Gelungene Bilder

Diese Inszenierung von Katrin Plötner und Jana Schulz erfreut aber dennoch, und zwar durch eine geschlossene Ensembleleistung und durch gelungene Bilder: Wie die gute alte Seilmechanik dafür sorgt, dass "Welt 1" "weggeswosht" wird und wir uns plötzlich in den Paralleluniversen wiederfinden, das ist durchaus ein optisches Vergnügen. Aber insgesamt? In einer anderen Welt als der des Jahres 2015 - gerne wieder!
Weitere Beiträge zu den Themen: November 2015 (9610)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.