"Sound of the Cities"
In Abba verliebt

"Sound oft the Cities" ist eine einzigartige Mischung aus Popgeschichte, Erlebnisbericht, Reiseführer und Liebeserklärung an Musikmetropolen und ihren Klang.
Kultur
Regensburg
20.02.2016
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Philipp Krohn (links) und Ole Löding haben mit "Sound of the Cities" ein Buch vorgelegt, das in keiner Plattensammlung fehlen darf. Letzte Woche waren sie in Regensburg im Ostentor-Kino zu Gast und haben dort ein Publikum angetroffen, das den beiden leidenschaftlich zugehört hat. Bild: Geiger

Das Buch hat das Zeug dazu, zu einer Bibel zu werden. Zu einer Bibel für Fans der Popmusik: Denn die Idee, die Philipp Krohn und Ole Löding mit "Sound of the Cities" verfolgen, ist so verblüffend wie einmalig und umfassend.

Von Peter Geiger

Die beiden Journalisten sind fest davon überzeugt, dass die Magie des Orts die Musik beeinflusst und mit einem unverkennbaren Stempel versieht. 24 Städte haben sie in Europa und Nordamerika bereist - und sich dort zu Recherchezwecken so lange aufgehalten, bis jeweils rund 20-seitige kenntnisreiche Porträts entstehen konnten.

Dabei haben sie Mitglieder von weltberühmten Bands wie The Velvet Underground oder Genesis befragt wie auch Plattenladenbesitzer. Sie waren zu Gast in legendären Clubs und stickigen Backstage-Räumen. In Aufnahmestudios und Proberäumen haben sie sich von Musikern und Musikexperten ihre Stadt zeigen und erklären lassen. Vergangenen Mittwoch haben sie in Regensburg im Ostentor-Kino ihr Buch vorgestellt - und dabei die für eine Lesung um 21.15 Uhr die recht sensationelle Zahl von rund 100 Besuchern angelockt. Im Anschluss haben wir uns mit den beiden Autoren unterhalten.

24 Städte, 500 Songs, 160 Bands und Künstlern, 250 Sehenswürdigkeiten - das ist ja ein Mammutprojekt! Wie habt Ihr das zu zweien geschafft? Habt Ihr ein Geheimrezept?

Philipp Krohn: (Lachen) Viel Weglassen und sich auf sein Wissen verlassen! Aber Spaß beiseite: Wir waren schon von dem Glauben beseelt, dass man sehr viel recherchieren kann, was man noch nicht weiß. Ziel war es, für jede Stadt, mindestens drei Protagonisten der Musikszene etwas ausführlicher zu sprechen und dann mit Erkenntnissen aus Biografien zentraler Künstler oder aus Büchern über die Szene zu verknüpfen. Das Entscheidende war aber die Reise in jede der 24 Städte, um eigene Eindrücke zu sammeln, und die Zusammenstellung von "Mixtapes" mit je 20 Musiktiteln, um uns in den Sound der Städte einzuhören. Die Reisen haben zusammengefasst vielleicht drei Monate gedauert, und wir haben sie untereinander aufgeteilt.

Ole Löding: Ganz am Anfang unserer Recherche hat Philipp das Schlagwort des "Reporterglücks" in den Raum geworfen: Erst einmal losfahren und auf der Reise werden dann schon die fehlenden Puzzlesteine zusammenkommen. Genauso ist es gekommen. Und je länger wir unterwegs waren, umso mehr beeindruckende Künstler haben wir kennengelernt, die sich getraut haben, einfach zu machen, loszulegen, Neues zu entwickeln, ohne zu ängstlich zu sein. Das hat uns sehr motiviert und angespornt.

Die Bandbreite, die ihr abdeckt, ist ja ungeheuer: Seid Ihr tatsächlich auch selbst Fans von allem, was Ihr vorstellt? Oder muss der Autor, der für ein breites Publikum schreibt, auch immer wieder über seinen eigenen schmalen Schatten springen?

Löding: Ich glaube, wir beide sind durchgängig mit zwei Brillen auf der Nase gereist: Zum einen wollten wir Bands und Musiker treffen, an die wir konkrete Fragen hatten. Und zum anderen wollten wir Legenden und Pioniere kennen - deren Bedeutung uns klar war, die wir für uns selbst aber noch nicht ganz erschlossen hatten. Im Laufe der Reise wurden so die Scheuklappen der eigenen Vorlieben immer kleiner. Ich zum Beispiel habe mich in Abba verliebt, Falco neu entdeckt oder viele elektronische Genres erst an mich herangelassen.

Krohn: Manche Sichtweise auf die lokale Musikgeschichte war vom eigenen Geschmack geprägt: Dass wir etwa Antwerpen, nicht aber München ins Buch aufgenommen haben, lag natürlich auch daran, dass Ole K's Choice seit vielen Jahren liebt und ich ihn überzeugen konnte, dass dEUS die wichtigste kontinentaleuropäische Band der neunziger Jahre ist. Oder in Chicago: Da kommt Jerry Goodman zu Wort, der Insidern des Jazz Rock als Violinist von The Flock und The Mahavishnu Orchestra bekannt ist, aber keinem breiteren Publikum. Den wollten wir unbedingt mal treffen. Uns war aber auch klar, dass wir ein bisschen objektiv sein mussten, um den Anspruch zu erfüllen, den Sound der Cities zu erfassen. So haben uns Künstler wie Kurtis Blow ganz wichtige Einsichten vermittelt, von denen keiner von uns zu Hause eine Platte besitzt.

Man muss schon ein lebenslanger Fan sein, um so was schreiben zu können?

Krohn: Leidenschaft war überhaupt der Haupttreiber! Wir lieben beide Musik seit der Jugend, haben immer nach den spannendsten Aufnahmen und den besten Livebands gesucht. Irgendwann fängt man an, Musikmagazine und Rocklexika zu lesen, um mehr zu erfahren. Und so setzten sich manche Erkenntnisse fest, die uns geholfen haben, uns auch in Szenen einzudenken, die wir nicht als Fans kannten, aber zumindest von ihrer Bedeutung erfasst hatten.

Löding: Und eine große Neugier spielte eine Rolle. Dass wir unbedingt Fragen, die uns als Musikfans beschäftigen, beantwortet haben wollten: Wie entstand die "Hamburger Schule" in unser Heimatstadt? Wie haben die Zeitzeugen die Beatles, die Beach Boys oder die Doors erlebt? Warum ist Morrissey so schlecht gelaunt? Woher kommt der Groove aus Memphis?

Wer von Städten redet, darf aber vom Land und von der Provinz nicht schweigen!

Krohn: Uns ist nach den ersten Städterecherchen klargeworden, dass wir nicht um die kreativen Anstöße aus der Provinz herumkommen, wenn wir das Phänomen "Stadt" erklären wollen. Ob es nun Nena oder die Humpe-Schwestern in Hagen sind oder die Musiker der Hamburger Schule, von denen viele in Bad Salzuflen angefangen haben: Oft ist es gerade die Enge und Tristesse von Provinz oder auch der Vorstadt, die den Wunsch reifen lässt, sich künstlerisch auszudrücken.

Musik zu machen ist das eine, drüber zu schreiben etwas anderes.

Krohn: Ja, aber das Gefühl mit seiner eigenen Kunst Leute zu erreichen, ist sicherlich noch etwas ganz anderes. Uns ist es wichtig, überall mit Lesern in Dialog zu treten, um ihre Sichtweise zu erfahren und womöglich unsere korrigieren zu lassen.

Löding: (lacht) Unser Publikum tanzt auch selten, wenn wir lesen, wir haben keine Groupies und sind auch nicht so laut wie eine Rockband. Aber dennoch wollen wir mit unseren Lesungen genauso wie Musiker unterhalten und zusammen mit dem Publikum einen besonderen Abend erleben. Wenn dann so aufmerksame Zuhörer und tolle Veranstalter wie im Ostentor-Kino in Regensburg dabei sind, fällt dies leicht.

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Philipp Krohn und Ole Löding: Sound of the Cities. Eine popmusikalische Entdeckungsreise. Erschienen bei Rogner & Bernhard, 22,95 Euro

InformationWurde der Punk in London oder Detroit erfunden? Ist Liverpool wirklich die "Capital City of Pop"? Warum entstand der Grunge in Seattle? Philipp Krohn und Ole Löding glauben fest, dass Städte die Musik beeinflussen, die in ihnen entsteht. Entstanden ist eine einzigartige Mischung aus Popgeschichte, Erlebnisbericht, Reiseführer und Liebeserklärung an Musikmetropolen und ihren Sound. Außerdem gibt es für jede Stadt eine Playliste. (peg)
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