Stefanie Sargnagel im Ostentorkino
Neues aus dem (B)Österreichischen

Gestern noch auf der Buchmesse Leipzig. Heute Regensburg. Und morgen? Augsburg! Was Stefanie Sargnagel im Ostentorkino an Alltagsaufzeichnungen und Beobachtungen über ihre Mitmenschen vorträgt, das steht im besten Sinne in einer Tradition des Österreichischen. Es ist böse, entlarvend und vor allem sehr lustig. Bild: Geiger
Kultur
Regensburg
24.03.2016
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Stefanie Sargnagel las im Ostentorkino in Regensburg aus ihren versammelten Facebook-Aufzeichnungen im Buch "Fitness". Sie beweist, dass die Österreicher ihre schlechte Laune am kunstvollsten verarbeiten.

Österreich ist nicht nur das Land, das in Gestalt des omnipräsenten "Ja, eh!" dem Partikel "sowieso" eine Absage erteilt hat. Unsere südöstlichen Nachbarn haben uns, "den Däätschen", noch etwas anderes voraus: Nämlich die Gabe, ihrer schlechten Laune ein so scheckig-buntes Sprachmäntelchen umzuhängen, dass auch dunkelste Entgleisungen und Sottisen urplötzlich über die Kraft eines alles erhellenden Moments verfügen können.

Bloggerin und Autorin


Belege? Ja: Thomas Bernhard, H.C. Artmann oder der Filmemacher David Schalko. Und ziehen nicht auch "Seiler und Speer" genau jenes Ass aus dem Ärmel? Wenn sie einerseits die "schware Partie" des Vorabends beklagen und den Ehebruch herbeisingen. Andererseits aber mit dieser klassischen Verlierergeschichte ganz oben landen, an der Spitze auch der hiesigen Charts. Die 1986 in Hernals (jener Ort, aus dem die Lebensgefährtin des durch das Gerhard-Bronner-Chanson legendär gewordenen "Gschupften Ferdl" stammt) gebürtige Stefanie Sargnagel (bürgerlich übrigens: Sprengnagel) bedient sich eben dieser Methode: Die Bloggerin mit Ambitionen für Print (zwei Bücher liegen mittlerweile vor; das aktuelle heißt "Fitness" aus der Redelsteiner Dahimène Edition), sie lässt ihrer Misanthropie freien Lauf, setzt auf derbe Pointen und Worte, die ansonsten auf dem Bubenklo herumgebrüllt werden und webt daraus ihre boshaften Miniaturen.

Beim Publikum in Regensburg scheint sich ihr Ruf wie Donnerhall verbreitet zu haben. Jedenfalls ist das Ostentorkino um Viertel nach Neun, also zur denkbar ungemütlichsten Anfangszeit für eine Lesung, so gut wie ausverkauft. Äußerlich verweigert Sargnagel sich mit ihrer roten Baskenmütze und dem etwas großmütterlich wirkenden unförmigen schwarzen Parka tradierten Vorstellungen von Tussihaftigkeit und etwaiger Eleganz.

Was das Es befiehlt


Und vielleicht ist ja auch genau das Teil ihres inszenatorischen und ironisch auf die Mechanismen der Gegenöffentlichkeit setzenden Erfolgs: dass da eine daherkommt und all die Sachen sagt, die ansonsten nur die ganz bösen Buben für sich reklamieren, die Gangsta-Rapper und die Skandalschriftsteller. Gleichzeitig ist es aber auch diese gespielte Naivität, diese ostentativ vor sich hergetragene Behauptung: Da sei eine im Literaturbetrieb gelandet, die doch so ticke wie Du und ich und eh nur das mache, was das Unterbewusstsein (freudianisch gedacht: ihr Es) ihr befiehlt. Nämlich ihr Leben mit zu notieren. Beobachtungen zu sammeln und aus dem Alltag einer Kunststudentin und Mitarbeiterin bei der Rufnummern-Auskunft zu berichten. Und ihre Mitmenschen weitgehend recht blöd aussehen zu lassen.

Natürlich sind das nicht, wie sie eingangs ankündigt, Gedichte, Reportagen oder Reiseberichte. Sondern vor allem Notate, die meist da abbrechen, wo es tatsächlich interessant wird. Aber genau aus dieser Verweigerung bezieht die Sargnagel'sche Kunst im Vortrag ihren Reiz. Womit sie allerdings, bei aller juvenilen Raubeinigkeit und Rabaukigkeit und wahrscheinlich gänzlich unbeabsichtigt sich in die Tradition österreichischer Literatur reiht: Denn wie Peter Altenberg (1859 bis 1919), der sein soziales Netzwerk vom Kaffeehaus aus spann, verbreitet sie, die ins Computerzeitalter Hineingeborene, via Facebook ihre Expeditionen in den Alltag. Und sorgt damit für eine Reinkarnation. Oder zeitgemäß gesprochen: für ein Update des Bohème-Begriffs. In der digitalen Wiener Variante nämlich. Ob's das gebraucht hat? Ja, eh. Sowieso.
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