Theater Regensburg zeigt in einer intensiv-intimen Inszenierung Bernhard Setzweins "Hrabal und ...
Im Schmelzwerk der Poesie

Dutky (Michael Heuberger) versteht die Welt nicht mehr: Er wurde nicht nur als Spitzel, der auf den Schriftsteller Hrabal angesetzt war, abgeschaltet. Auch den Geheimdienst, für den er tätig war, den gibt es nicht mehr. Tourismusmanagerin Lenka (Pina Kühr) hat aber eine Anschlussverwendung für ihn: als Guide in der Hrabal-Gedenkstätte. Bild: Sarah Rubensdörffer
Kultur
Regensburg
08.06.2015
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Am Anfang, und der dauert gut und gerne seine 20 Minuten, am Anfang dieser eineinviertelstündigen Inszenierung des Theaters Regensburg, da ist nichts zu sehen. Jedenfalls fast nichts. Das heißt: Das Publikum hört vor allen Dingen. Und schaut mit wachem Auge auf eine ziemlich finstere Bühne, auf der sich allenfalls die Lichtspots verändern, und belauscht dabei einen Mann des tschechoslowakischen Geheimdienstes, Dutky (zutiefst verstörend in seiner Banalität: Michael Heuberger) mit Namen, wie er unentwegt seinen Bleistift spitzend von einem Gartenschuppen aus sein Objekt der Ausspähbegierde, wie er den Schriftsteller Bohumil Hrabal also, rund um die Uhr überwacht.

Urweisheit des Spitzels

Wie gesagt: 20 Minuten lang. Das könnte langweilig sein. Ermüdend. Enervierend. Weil, es tut sich ja nichts. Jedenfalls fast nichts. Trotzdem ist es in Bernhard Setzweins "Hrabal und der Mann am Fenster" weder langweilig noch ermüdend und auch nicht enervierend. Sondern ganz im Gegenteil: Selten hat man als Zuschauer so gebannt den Schneckengang der Zeit beobachtet, hat sich höchst aufmerksam dem Stillstand der Elemente hingegeben und dabei Dutkys Monologen gelauscht: "Nur weil sich nichts rührt / heißt das noch lange nicht / dass sich nichts tut." Da haben wir sie, die Urweisheit jedes Spitzels, der schon allein deshalb in seinem Verfolgungswahn jede Mücke des Alltags interpretativ hochzoomt zum Verschwörungselefanten, weil er ja sonst zweifeln und verzweifeln müsste am Sinn seines Tuns. Und längst haben wir uns selbst schon, angesichts unserer Schaulust, dabei ertappt, in unserer Hingabebereitschaft im Dutky'schen Geiste. Und während nunmehr mit der Tourismusfachkraft Lenka (Pina Kühr trägt ihr Naivitätsgewand mit mädchenhafter Würde) eine zweite Figur die Bühne respektive Dutkys Schuppen betritt und das Publikum nunmehr dank der von ihr mitgebrachten Kamera Einblicke in den Guck- und Horchposten erhält, weil die Bilder nunmehr auf einen hauchzarten Gaze-Vorhang projiziert werden, da hebt Autor Setzwein einen ganz anderen Vorhang.

Nur Erbsenzählereien

Sukzessive nämlich erfahren wir und damit auch Dutky, dass die Nachwendezeit längst angebrochen ist, dass sich das einstige Ostblockland, die CSSR, gehäutet hat, und dass es dementsprechend keine "Firma" (wie der tschechische Geheimdienst StB im Jargon genannt wurde) mehr gibt. Und dass, nach dem vogelhaften Tod von Bohumil Hrabal, nunmehr im mittelböhmischen Kersko die Dichterdatscha umgestaltet werden soll, ganz im Geist der neuen, konsumistischen Ära, zu einer Gedenkstätte, zum "Haus aus Glas".

Lenka glaubt, in Dutky den besten Kenner Hrabals entdeckt zu haben: Allein, dessen Kenntnisse entpuppen sich als dürftig und belanglos, als ausschließlich am Quantitativen orientierte Oberflächenbohrungen und Erbsenzählereien. Fehlanzeige, was den Menschen Hrabal und dessen Werk, die Romane und die Erzählungen, anbetrifft! Aber in denen - so bekennt im dritten Teil der nunmehr zum Bühnenleben wiedererweckte Dichter (traumhaft sicher: Roland Avenard) im Dialog mit seinem machtlosen Überwacher selbst, da steht alles drinnen.

Bernhard Setzwein hat also nicht nur seinem böhmischen Poetenkollegen ein dramatisches Denkmal errichtet, er hat etwas noch viel Größeres und Bedeutsameres geschaffen: Er hat nämlich eine ebenso zeitlose wie tröstende Parabel verfasst auf die Unverletzlichkeit der Kunst und darauf, dass der geistige Wesenskern eines Menschen im wahrsten Wortsinne von Spitzeln und Diktatoren nicht angetastet werden kann.

Reich der Magie

Und gleichzeitig muss neben den restlos überzeugenden Schauspielern auch Regisseurin Mia Constantine (tatsächlich, sie ist die Tochter des großen Eddie Constantine!) gelobt werden: Weil die Distanz, die sie durch das von ihr in Szene gesetzte Nichts und die Filmtechnik erzeugt, gleichzeitig das Maß der Intimität ins Unermessliche steigert. Und so das Publikum für eineinviertel Stunden in den Bann zieht und somit entführt ins magische Reich der Kunst, ins "Schmelzwerk der Poesie".
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