Tschaikowsky-Gala mit Vladimir Spivakov, Dmitri Masleev und der Russischen Nationalphilharmonie
Große Musik - große Gefühle

Kultur
Regensburg
01.12.2016
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Zum Auftakt der neuen Konzertsaison scheinen sich hervorragende Orchester und Solisten die Türklinken in die Hand zu geben. An der Reihe ist diesmal die Russische Nationalphilharmonie unter dem Geiger und Dirigenten Vladimir Spivakov im Audimax mit einer Tschaikowsky-Gala.

Von Peter K. Donhauser

Für das 1. Klavierkonzert b-Moll op. 23 hat man den Gewinner des Tschaikowsky-Wettbewerbs Moskau von 2015 an Bord geholt, den erst 28-jährigen Dmitri Masleev. Der blutjunge, wie ein frisch absolvierter Abiturient auftretende Pianist fasziniert von den ersten Des-Dur-Akkorden an.

Virtuose Läufe


Schon Sjatoslav Richter und Dirigent Karl Ancerl haben 1963 gezeigt, dass man den Eingangssatz dynamisch-zügig angehen und nicht pappig-zäh verschleppen soll, so sehen das auch Spivakov und Masleev. Woher nimmt Letzterer die Kraft, Akkorde und Oktavgänge so zu meißeln und doch noch sprechen zu lassen? Entspannt und klar geht er dann virtuose Läufe und Arpeggien an. Verständlich wie selten lässt er die oft grummeligen Töne der Kontra- und Subkontraoktave knurren. Schon zaubert er in den verhaltenen Partien sphärische, meditative Stimmungen ins Audimax.

Will Masleev mit zwei motorisch-flinken Zugaben zeigen, dass ihm virtuoses Spiel doch näher liegt? Man wünscht ihm Kulturmanager, die Zeit und Muße zur Entwicklung seiner herausragenden Begabung lassen.

Nach der Pause geht es von 1874 nach 1888 zur 5. Sinfonie e-Moll op. 64, der optimistischsten der drei "Schicksalssinfonien" des Autors, die in triumphalem E-Dur endet. Hier geht es nicht wie bei Beethoven um Aufklärung, Humanismus und Revolution, sondern um das sich verloren und ausgeliefert fühlende Individuum. Das "Schicksals-Motiv" durchzieht das gesamte Opus wie die "Idee fixe" die "Symphonie Fantastique" von Berlioz (1830).

Bläser dominieren


Das Klangbild der Russischen Nationalphilharmonie ist gewichtiger, cremiger, erdiger als das luzide, schwerelose der Musiker des BR-Orchesters. Die Klangbalance ist nicht immer gewahrt: Oft dominieren die Bläser, speziell die Hörner sind gefährdet. Spivakov dirigiert ökonomisch und deutlich, er weckt aber auch - besonders bei den Streichern, die Bässe mit französischem Griff spielend - sinnlich-süffige Klänge. Nie verfällt er der Versuchung, der emotional geladenen Musik noch gefühlsduseligen Schwulst aufzusetzen, so verlöre sie nur an Glaubwürdigkeit.

Als Solisten bewähren sich die blitzsauberen Klarinetten zu Beginn, das ein wenig vordergründige Horn im zweiten Satz und nicht zu vergessen die mild glänzende Flöte im Andantino des Klavierkonzerts. Nach dem zugegebenen Valse Triste von Jean Sibelius, bläst Spivakov noch etwas viel russisches Erdgas ins Feuer: Prokofiew, Schostakowitsch, Chatschaturjan.
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