„Zeichne, was du siehst.“
Tragisches Ende einer Kindheit

Helga Weissová-Hosková bei der Eröffnung der Ausstellung in Regensburg mit Oberbürgermeister Joachim Wolbergs (links) und Mitorganisator Thomas Muggenthaler. Bild: Wolke
Kultur
Regensburg
10.11.2016
63
0
 
Helga Weissová-Hosková bei der Eröffnung der Ausstellung in Regensburg mit Oberbürgermeister Joachim Wolbergs (links) und Mitorganisator Thomas Muggenthaler. Bild: Wolke

"Zeichne, was du siehst." Diese Aufgabe gab Helga Weissová-Hoskovás Vater seiner Tochter mit auf den Weg. Das war 1941, kurz nach der Ankunft der Familie in Theresienstadt.

Der Schneemann und die spielenden Kinder, die die Zwölfjährige damals aufs Blatt gebracht hatte, war so ungefähr ihr letztes kindliches Motiv. Denn fortan - angetrieben vom Rat des Vaters - ging es ums alltägliche Leben im Ghetto. Mehr als 80 Jahre später gehen die Zeichnungen immer noch um die Welt. Die kleinen Bilder, die das Mädchen vom Bett des "Mädchenheims L410" aus malte, sind heute ein einzigartiges Zeitzeugnis der Gräuel des Dritten Reiches. Helga Weissová-Hoskovás Zeichnungen, die später um noch furchtbarere Eindrücke aus Auschwitz ergänzt werden mussten, waren bereits unter anderem in New York, Boston und Prag ausgestellt.

Nun sind sie in der Stadtbücherei in Regensburg zu sehen. "Zeichne, was du siehst." Diesen Titel trägt die Schau in Erinnerung an den Auftrag des Vaters. Er selbst kam in einer Gaskammer um. Helga Weissová-Hosková überlebte. Und ebenso ihre Zeichnungen. In für das Alter des Kindes beeindruckender Virtuosität zeigen die Darstellungen nicht nur die Schrecknisse von Leichenbergen und ausgemergelten Kranken.

Torte auf Leichenwagen


Besonders nahe gehend sind auch die Wünsche und Träume des um eine unbeschwerte Kindheit beraubten Mädchens. Eines ihrer Bilder zeigt eine riesige Geburtstagstorte, die in der Fantasie der kleinen Helga von ihrer Heimatstadt Prag nach Theresienstadt gebracht wird. Transportiert wird die Leckerei auf einem alten Leichenwagen - so wie alles im Ghetto Theresienstadt. Des Weiteren erzählen die Zeichnungen von sich schnell ausbreitenden Krankheiten und Seuchen in den überfüllten Unterkünften, vom allgegenwärtigen Abschied und Tod. Aber auch von den Bemühungen der Ghettobewohner, ein kulturelles Leben aufrecht zu erhalten. Es gab Schulen für die Kinder und Theateraufführungen auf Dachböden.

Besonders frappierend erscheinen die Anstrengungen des Regimes, Theresienstadt nach außen hin als "ein Geschenk des Führers an die Juden" darzustellen. Um das Internationale Rote Kreuz zu täuschen, wurden kurzfristig Cafés und Banken eröffnet. Die Kinder erhielten Schokolade und durften Fußball spielen.

Dauerhaftes Zeugnis


"Die Weltöffentlichkeit war beruhigt", informiert eine der Texttafeln in der Regensburger Schau. Und bald darauf rollten wieder die Deportationswagen in Richtung Auschwitz. Helga Weissová-Hosková selbst wurde 1944 dorthin gebracht. Später begann für sie angesichts der heranrückenden Ostfront eine Irrfahrt, die in Mauthausen endete. Dort wurde Helga Weissová-Hosková befreit. Die junge Frau kehrte nach Prag zurück. Sie studierte Kunst und verarbeitete auch noch später ihre Ghetto- und Lagererfahrungen.

Über ihre Bilder sagt Weissová-Hosková: "Ich hoffe, damit ein dauerhaftes Zeugnis jener Zeit geschaffen zu haben, das dazu beitragen soll, dass Vergangenes nicht in Vergessenheit gerät, damit sich Ähnliches nicht wiederholen kann!"

ÖffnungszeitenDie Ausstellung "Zeichne, was du siehst" ist bis Samstag, 26. November, in der Stadtbücherei (Haidplatz in Regensburg) zu sehen. Öffnungszeiten sind Dienstag bis Freitag von 10 bis 19 Uhr, Samstag von 10 bis 16 Uhr. (wsu)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.