Zwei Fäuste und ein Mittelfinger

Natürlich gilt auch im Theater die alte Weisheit der Band "Tocotronic": Im Zweifel für den Zweifel. Aber dieser Dr. Heinrich Faust (Gerhard Herrmann) zweifelt dann doch zu dezidiert an und in dem, was er da auf die Bühne bringt. Bild: Philip Kandler
Kultur
Regensburg
28.09.2015
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Das Theater Regensburg zeigt im "Velodrom" an einem Theaterabend die beiden Teile des Goethe'schen "Faust" - und am Ende zeigt der Regisseur dem Publikum den Mittelfinger

Auch wenn wir das Jahr 2015 schreiben und somit Debatten über Sekundärtugenden, über lange Haare, Pupsen vor Publikum und auch über gereckte Mittelfinger (Effenberg, das war 1994!) längst ausgetragen wurden und somit hinter uns liegen sollten: Wir müssen im konkreten Fall doch mit dem Ende anfangen und berichten, was sich da, als markanter Schlusspunkt gewissermaßen, ereignete.

Mittelfinger in die Höh'

Als nämlich am Freitagabend diese durchaus durchwachsene Inszenierungspremiere des Goethe'schen Gesamt-Faust über die Velodrom-Bühne gegangen war, da traten, wie's üblich ist, zunächst die Schauspieler nochmal hervor und holten sich ihren verdienten Beifall ab. Der ihnen auch in respektabler Quantität gewährt wurde. Ja, vereinzelt, da wurde sogar wohlmeinend und dementsprechend wohltuend mit den Füßen getrampelt, als Zeichen der Ehrerbietung wohlgemerkt.

Dann betrat auch noch die Hintergrundmannschaft die Bühne - und als schließlich Regisseur Bernd Liepold-Mosser im Scheinwerferkegel erschien, da ertönte ein kurzes, leises und einstimmiges: Buh. Ohne Ausrufezeichen! Was denjenigen, der sich als Regisseur da offenbar angesprochen fühlte (immerhin hätten zu diesem Zeitpunkt geschätzte weitere 20 Personen ebenso zur Verfügung gestanden), offenbar provozierte: Jedenfalls, das Buh-Solo war noch gar nicht verklungen, da zückte er, der sich angeprochen und offenbar auch auf den Schlips getreten fühlende Regisseur, sofort und eindeutig seinen Mittelfinger. Mit Feuer im Blick und Ausrufezeichen!

Dass wir uns richtig verstehen: Der Skandal soll nunmehr keineswegs daran festgemacht werden, dass da Unmut und Beleidigungen zwischen Publikum und Bühne ausgetauscht werden. Das Skandalöse besteht vielmehr darin, dass ein Regisseur so dünnhäutig reagiert. Dass er nicht einen Augenblick lang hinzunehmen bereit ist, dass aus einer 620-köpfigen zahlenden Zuschauermenge heraus eine einzelne kritische Stimme ertönt. Und dass er diesem Publikum in toto sodann unvermittelt seine Verachtung entgegenschleudert. Die hinterher bemühte Kusshand vermochte da auch nichts mehr zu retten. Sie unterstrich allenfalls den waltenden Zynismus.

Der doppelte Faust

Und, der Rest des Abends? Die Bühnen-Inszenierung? Sie ist vor allem bildstark. Und mit elektronischer Live-Musik untermalt. Das ist gut, kaschiert aber nur vordergründig die Schwächen im Dialogischen und in der Figurenführung! Sowohl die von Philip Kandler eingefangenen Filmsequenzen (Faust, vom oftmals doch zu dezidiert zweifelnden Gerhard Herrmann interpretiert, rennt verzweifelt durch eine Steinwüste) wie auch die live auf der Bühne produzierten Sounds von Markus Steinkellner (super, mit Laptop, Gitarre und Mikro absolut auf der Höhe unserer Zeit!) verleihen der textlich doch stark dezimierten Strichfassung beider Teile (Goethe hatte gute Gründe, weshalb er der Tragödie ersten Teil unaufgelöst enden lässt und einen zweiten Teil anschließt) jene Sinnlichkeit, die in dem, was Theater traditionellerweise ausmacht, dann doch zu selten zutage tritt.

Allein den Rede-Duellen zwischen Faust und Mephisto (Patrick O. Beck überzeugt vor allem durch seine agile körperliche Präsenz), sie kommen zu schwachbrüstig daher, ihnen fehlt der Witz, die Pointe, ja überhaupt: Die Macht der Sprache, sie erhält kaum Raum zur Entfaltung! Stärker besetzt sind die weiblichen Figuren - allen voran die 90-jährige Hildegard Krost, die in ihren Sprecherinnenrollen die "Zueignung" wie das "Hexeneinmaleins" eindrucksvoll interpretiert und - nach der Pause noch einmal als Baucis auftritt.

Andine Pfrepper ist die große positive Überraschung des Abends - weil sie eine aufbegehrende junge Frau zeigt, die sich weder blond noch gretchenhaft ihrem Schicksal ergibt, sondern sich als Margarete dem Tragischen mit Händen und Füßen entgegenstellt. Die Bilanz am Ende? Ein Abend mit Elementen von Skandal, Substanz und auch Brillanz! Eine Inszenierung aber, die vielleicht zu viel wollte und zu wenig davon einlöst.
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