Dreimal Orphée: Regensburgs Hotel der gepflegten Dekadenz und integrierten Promis: "Wir nehmen ...
Der König von Uganda im Orphée-Himmelbett

Lokales
Regensburg
15.11.2013
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Es war einmal vor 15 Jahren, als Hotels in Regensburg noch richtige Hotels waren: die Zimmer eckig wie die Mattscheiben über den Betten, die Möbel so gesichts- wie geschichtslos und die Duschen eine akrobatische Herausforderung für Magersüchtige. Mit diesem Konzept machten Michael Laib und Neli Färber 1994 Schluss.

Die Gesellschafter der Namenlos GmbH ließen schon immer viel Geld in Hotels. "Wir störten uns an Duschvorhängen, die am Arsch klebten", bringt Reinhard Wagner, Dritter im Bunde, die Geschichte auf den Punkt. "So ein Hotel würde uns noch raushängen", erinnert sich der Weinexperte der Namenlos GmbH, der mit dem Restaurant Orphée schon 1977 der Hochtempel der frankophilen Bohemiens geglückt war. "Wir hatten viel Glück mit dem Hausbesitzer", sagt Wagner über die Gründung des kleinen Hauses in der Wahlenstraße. "Die Firma Pfaff-Nähmaschinen hatte da vorher Schulungsräume drin. Das war praktisch, weil wir vieles vom Zuschnitt nutzen konnten."

Selfmade-Innenarchitekt Michael Laib und seine Baubrigade konnte loslegen - fast ausschließlich mit Antiquitäten, Flohmarktware und Theaterrequisiten zauberten die Jungs das originellste Hotel der Stadt. Nur auf den Rücken der Gäste nehmen die inzwischen zu Senioren gereiften 68er Rücksicht: "Die Betten sind vom Schreiner, und es kommen nur gescheite Matratzen rein", sagt Wagner.
"Der Höhepunkt des Wochenendes ist die Übernachtung im Orphée", schwärmt die Schweizer Zeitschrift "Du". "Den Schlüssel holt man sich selbst ab. Das Hotel hat keinen Portier. Die 15 Zimmer sind individuell eingerichtet: Antike Waschtische, türkische Kacheln, in einem Zimmer versteckt sich das Bad hinter der Schranktür. Das schönste Hotel von Regensburg ist wie ein Abbild der Stadt. Einladend, vertraut mit dem Charme einer vergangenen Zeit." Dazu kommen prunkvolle Räume im ehemaligen Gesandtenhaus überm Restaurant mit frühbarocken Stuckdecken aus dem 16. Jahrhundert.

Poetenstüberl für Arme

"Seit 1998 hat sich sehr viel verändert", gibt Hoteldirektorin Annette Ebmeier ein Update. Inzwischen zählen drei Häuser zum Orphée-Imperium: neben dem "kleinen" und dem "großen" Haus auch noch der Andreasstadel in Stadtamhof. "Wir haben von 15 auf 58 Zimmer erweitert", sagt Ebmeier, "das war ein großer Sprung. Bei der Personalversammlung habe ich inzwischen 120 Leute da".
Was sich nicht verändert hat, ist der legendäre Geist des Orphée: Liberté, Egalité, Fraternité - oder anders ausgedrückt: Es gibt weder im Restaurant noch in den Hotels eine Zweiklassengesellschaft: "Wir wollen kein Fünfsterne-Haus werden", sagt die Straubingerin mit norddeutschen Wurzeln. "Ich war hier mit 16 Jahren das erstes Mal", strahlt die Direktorin, "vorne auf Tisch 2 - ich fand's sofort super. Und es hat heute noch denselben Charme wie damals." Deshalb verzichtet man auf Gruppenreservierungen der Haute-Volée: "Wenn Sie aus Weiden zu uns kommen, haben Sie sich auf Ihr Orphée gefreut und nicht auf eine Rotarier-Veranstaltung mit Wimpeln."

Heute wie damals kann sich ein Gast mit schmalem Geldbeutel im Poetenstüberl ganz oben im kleinen Haus einmieten - "noch immer für 35 Euro mit Frühstück für eine Person mit Dusche am Gang", lacht Reinhard Wagner. Solche Alleinstellungsmerkmale werden von den Weltmagazinen und Reiseführern dankbar aufgesogen: "Wir wurden im Michelin, im Feinschmecker, im Varta, im Merian porträtiert - und in unzähligen Artikeln wie in der SZ-Beilage am Freitag", zählt Ebmeier auf.

Kein Aufhebens um Promis

So etwas geht auch an den Schönen und Reichen der Welt nicht spurlos vorbei: Wim Wenders, Jan Weiler, Rafik Schami, Roberto Blanco oder Anke Engelke waren genauso hier wie Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. "Momentan ist der König von Uganda im Haus." Machen solche Promis nicht unheimlich viel Aufhebens? "Wir nehmen die nicht ernster als andere auch - sie werden einfach integriert, worüber manche heilfroh sind", erklärt Ebmeier.

Bei so viel flirrender Kreativität von Betreibern und Gästen wundert es nicht, dass die Wände nicht nur mit Plakaten großer Filmklassiker tapeziert sind. An den Wänden haben sich Karikaturisten und Zeichner verewigt. Zum Markenzeichen des Hauses ist inzwischen ein Zeichner der klassischen Moderne avanciert: Der gebürtige Regensburger Ludwig Bemelmans verstarb zwar schon am 1. Oktober 1962 in New York. Weil Bemelmann sowohl in Hotels als auch in der Kunst zu Hause war, gelang es den Hoteliers die Nachkommen zu überzeugen, Teile seines Werk als Illustration verwenden zu dürfen.

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Mehr Bilder auf www.hotel-orphee.de und

http://www.oberpfalznetz.de/regensburg
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