Kabarettist Christoph Süß versüßt den Film zur Landesausstellung
Mittelalter nicht finster

Christoph Süß als Bischof Nikolaus von Yps. Bilder: Herda (3)
Lokales
Regensburg
11.07.2014
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Christoph Süß als Bischof Nikolaus von Yps. Bilder: Herda (3)

"Also, wenn ich an dieser Stelle einhaken dürfte", mischt sich der Kabarettist Christoph Süß ein, "Geschichte wird nicht geatmet, sondern verstanden." Der BR-Moderator ist Hauptdarsteller in sämtlichen Rollen eines in St. Ulrich gezeigten Filmchens zur Landesausstellung. Mit süßeskem Humor führt er durch Regensburger Schauplätze, die Kaiser Ludwig, dem Bayern, verbunden sind.

"Das Mittelalter war nicht finster", zertrümmert er gleich mal als Petrus, der Patron des Doms, ein gängiges Klischee. "Sonst hätte man mich nicht auf ein Fenster gemalt - weil man mich nur sieht, wenn die Sonne scheint." Klar, Süß lässt fast keinen Kalauer aus, um die schwer verdauliche, historische Kost etwas appetitlicher zu gestalten. Das ist legitim, oder anders formuliert: zeitgenössische Museumspädagogik.

Zenit der Blüte

Allzu viel Neues oder wenigstens Überraschendes erfährt man bei dem Potpourri, das einen Kaufmann und einen Bettelmönch, den Bischof und einen Boten aus Avignon, natürlich alle verkörpert durch das kabarettistische Multitalent, zusammenführt, zwar nicht. Aber es ist ein witziger Aperitif für die eigentliche Ausstellung, eine nicht ganz ernst gemeinte Einführung in die mittelalterliche Gedankenwelt - zum selbstständig weiter denken. Regisseur und Produzent Stefan Aglassinger hat für das Handlungsgerüst die verschiedenen Bauphasen des Doms bis 1350, Aufnahmen und Animationen kombiniert - virtuelle und reale Außen- und Innenansichten, zum Teil mit Drohnenkameras eingefangen.

Regensburg ist zur Zeit Ludwigs am Höhepunkt seiner wirtschaftlichen Blüte angelangt. Die reichen Bürger und Bankiers investieren in ihre prächtigen Patrizierburgen nach dem Vorbild San Gimignanos - aber auch in den Dom im Stil der französischen Kathedralgotik. Um 1300 zählt Regensburg, die Fernhandels- und Finanzmetropole mit strategischer und kirchenpolitischer Bedeutung, zu den drei reichsten Städten Deutschlands. Kein Weg führt deshalb auch für Ludwig den Bayern an der Stadt vorbei, wenn er Geld und Unterstützung sucht.

Frei nach Dante haben die Zeitgenossen ihren Aufenthalt im Fegefeuer einzukalkulieren - "die meisten, die nicht ganz so Schlimmen" werden hier für ihre Sünden büßen. Tunlichst sollte man die sieben Todsünden vermeiden, um nicht noch tiefer zu sinken - in die ewige Verdammnis. Die reichen Kaufleute des 14. Jahrhunderts haben deshalb panisch Angst vor dem Habsuchtsvorwurf, zumal die Bettelorden frenetisch Armut predigen. "Wir tun doch auch Gutes", lässt Süß den Patrizier beteuern. "Doch der Dombau wird immer teurer." Nachdem der alte romanische Dom 1227 teilweise abbrannte, wuchs der zunächst konservativ geplante, dann vom neuen Baumeister modernisiert in französischer Manier hochgezogene Repräsentationsbau schnell in die Höhe - ehe er sich nach dem wirtschaftlichen Niedergang der Stadt noch sechs Jahrhunderte dahinschleppte.

Kommende Macht

Wenn die Bürger mal kein schlechtes Gewissen drückt, drücken sie selbstbewusst ihr Selbstverständnis aus: "Wir verdienen am Fernhandel - wir sind die kommende Macht." Bürger komme von geborgen sein, die Stadt als Burg. Und auch diese Zote darf nicht fehlen: "Die Geschlechtertürme kommen mir freudianisch vor", augenzwinkert Süß mit Blick auf die städtischen Phallussymbole. "Wir im Mittelalter haben überhaupt noch kein Unterbewusstsein", widerspricht sein alter ego.

Es geht meist um Steuerprivilegien und Macht. Bischof Nikolaus von Yps hat es nicht leicht, sich zwischen dem Papst, der den Kaiser nicht mag, und dem Kaiser, der vom Papst gebannt ist, zu positionieren: "Ich habe an Protestschreiben mitgewirkt", will er es beiden Recht machen, "stehe aber voll hinter dem Hl. Vater - schließlich bin ich Petrus geweiht. Man muss so viele Interessen unter eine Mitra bringen."

Papst verbietet Messen

Offiziell dürfte gar keine Messe gefeiert werden - die einfachen Leute verstehen diese Politik nicht. Und dem Kaiser schert es nicht. Was also tun? Was der Bischof nicht weiß, macht ihn nicht heiß. Ein Messeverbot hätte Regensburg lahm gelegt. Deswegen lässt der Bischof den Gesandten aus Avignon festnehmen, das Schreiben landet in der Donau. "Leider habe ich den Wunsch des Papstes nicht schriftlich." Aber es gibt auch Positives zu berichten über die Amtszeit des Österreichers, zu dessen Charakterisierung ein Yps-Heftchen nicht fehlen darf: "Als ich Bischof wurde, übernahm ich eine Baustelle - ich war der erste, der in diesem Gebäude eine Messe hielt." Als er 1340 stirbt, lebt er im Dom, diesem steingewordenen Schuldgefühl der reichen Bürger, weiter.

Und auch der Bote aus Avignon kommt mit radebrechendem französischen Akzent zu Wort, nachdem er aus der braunen Donau geklettert ist: "Merde, diesö Botschaft kann man nicht mähr lösen." Dafür sollte sich sein Fluch bewahrheiten: "Das Klima wird sich ändern, andere Städte werden mächtiger."
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