Messerscharfer Blick aufs Detail

Stolz präsentiert Agnes Tieze vom Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg einen ihrer Schützlinge: Die Tschechin Milada Maresová gilt als Neuentdeckung. Bild: Wolke
Lokales
Regensburg
31.10.2015
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Sie war einst die künstlerische Reaktion auf die Schrecken des Ersten Weltkrieges. Noch heute zieht die Neue Sachlichkeit den Betrachter in ihren Bann. Aktuelles Beispiel: Die Ausstellung des Kunstforums Ostdeutsche Galerie in Regensburg.

Nun geht es zur Sache. Mit seiner neuen Ausstellung schöpft das Kunstforum Ostdeutsche Galerie aus den Vollen. Die Werke der Neuen Sachlichkeit, die dort ab Samstag, 31. Oktober, zu sehen sind, stellen an sich schon ein öffentlichkeitswirksames Thema dar. Mit einer breit angelegten Auswahl, die von großen Namen bis hin zu kaum bekannten Neuentdeckungen reicht, ist Direktorin Agnes Tieze zweifellos etwas gelungen: eine Schau, die fasziniert.

"Messerscharf und detailverliebt." Der Titel der Ausstellung bezieht sich nicht nur auf die akribische Technik der Vertreter der Neuen Sachlichkeit, die Mitte der 1920er Jahre in Erscheinung traten. Meisterliches Können wird bewusst praktiziert. Nicht umsonst lehnten sich Künstler wie Artur Ressel mit ihrer Signatur an die bekannten Initialen Albrecht Dürers an.

Vielfigurige Gemälde

Auch klassische Genres wie das Porträt spielten eine Rolle. So sehr sogar, dass die rund 100 Werke der Regensburger Schau - 60 Arbeiten davon sind aus Beständen des Kunstforums, 40 kommen von Leihgebern - in diese Themengebiete geordnet sind: Neben einer Abteilung mit Porträts gibt es Bereiche für den Akt, die Landschaft und das Stillleben. Letzteres sieht Tieze als "das Paradebeispiel der Neuen Sachlichkeit". Den Unterschied zum herkömmlichen Stück bringt die Museumsleiterin allerdings schnell auf den Punkt: "Man hatte keine Scheu, das Banale, das Alltägliche und auch das Hässliche darzustellen." Tieze spielt damit auf die ganze Bandbreite an. Neben den Ehrfurcht gebietenden Zimmerpflanzen eines Alexander Kanoldt gibt es etwa die verstörenden Großstadtszenerien Erich Drechslers. Mit Gemälden und Zeichnungen wie "Blinder Bettler" oder "Im Bordell" kommt er Otto Dix oder George Grosz nahe. Womit auch die Regensburger Ausstellung angekommen ist bei den ganz Großen.

Otto Dix, der als Schlüsselfigur der Neuen Sachlichkeit gilt, Arno Henschel oder Carlo Mense: Sie alle sind in der Schau des Kunstforums vertreten. Nicht minder interessant wirken die "Neuentdeckungen", die Tieze und ihr Team präsentieren. Milada Maresová etwa. Die tschechische Malerin markiert mit vielfigurigen Gemälden zwei Aspekte der Ausstellung: Zunächst die für das Haus obligatorische Hinwendung gen Osten. "Ziel der Schau ist es, die Neue Sachlichkeit in den östlichen Gebieten der Weimarer Republik zu beleuchten." Tieze beeilt sich, diese künstlerisch hochkarätige Schau auch vor dem Hintergrund des Hausauftrages zu legitimieren.

Und dann sind da noch die "Goldenen Zwanziger", die gar nicht so golden waren - und zwar nicht nur im Werk von Milada Maresová. Theatralisch inszeniert leuchtet in der Ausstellung zwar der Wandhintergrund für Maresovás Flaneure und Sommerfrischler golden. Die Ränder der Wand sind allerdings ausgespart. Eine subtile Anspielung, mit der die Kuratoren des Kunstforums dasselbe andeuten wollen wie die Protagonisten der Schau. Es geht um den zeitlichen Hintergrund. Und der war nicht minder ambivalent als die seltsam starren und oft ins Groteske verzerrten Figuren dieser schein-lustigen Welt. Denn der Tanz der lüsternen Herren und hageren Damen gleicht dem auf einem Vulkan.

Schwere Krisen

"Der Erste Weltkrieg erschütterte Deutschland enorm", geht Tieze auf die allgemeine Atmosphäre während der Zeit der Neuen Sachlichkeit ein. "Die Anfänge der Weimarer Republik waren in politischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht von schweren Krisen geprägt." Als Reaktion auf die instabile Lage entwickelten sich in der Kunst Strömungen, die seit einer gleichnamigen Mannheimer Ausstellung im Jahre 1925 unter dem Begriff "Neue Sachlichkeit" zusammengefasst wurden.

Dass diese Zusammenfassung verschiedene Ansätze vereint, wird auch in der Regensburger Schau deutlich. Neben einem Kinderportrait aus der Hand Arno Henschels gibt es Schocker vom Kaliber der "Überfahrenen", die Kurt Günther 1927 darstellte. Hinzu kommt der Aspekt des "Magischen Realismus". Diesem ist Franz Sedlacek mit seinen mysteriös-unheimlichen Darstellungen zuzuordnen. Der in Breslau geborene Künstler gilt als weitere Entdeckung.

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Die Ausstellung "Messerscharf und detailverliebt. Werke der Neuen Sachlichkeit" läuft von 31. Oktober bis 31. Januar im Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Dr.-Johann-Maier-Straße 5 in Regensburg. Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag: 10 bis 17 Uhr, Donnerstag: 10 bis 20 Uhr. Geschlossen: 1. November, 24., 25. und 31 Dezember. Ein Katalog begleitet die Schau. Weitere Informationen gibt es unter Telefon 0941/297140 oder www.kunstforum.net.
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