70 Jahre Bayerischer Journalistenverband
Macht braucht Kontrolle

Heribert Prantl (links) ist nicht immer mit der Politik von Horst Seehofer (rechts) einverstanden, Seehofer mag nicht jeden seiner Kommentar. Trotzdem unterhielten sie sich bei der 70-Jahrfeier des Bayerischen Journalisten-Verbandes gut. In der Mitte BJV-Vorsitzender Michael Busch. Bild: Gibbs
Politik
Regensburg
06.06.2016
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Der Bayerische Journalistenverband feiert 70. Geburtstag in Regensburg - Ministerpräsident Horst Seehofer gratuliert mit Komplimenten.

Horst Seehofer und der Bayerische Journalistenverband (BJV) hatten in der Vergangenheit ihre Konflikte. Dennoch kam der Ministerpräsident am Freitagabend persönlich nach Regensburg, um den 70. Geburtstag des Verbandes zu feiern - und hatte fast nur Komplimente für die Journalisten im Gepäck.

Medien decken Fehler auf


"Macht braucht Kontrolle, sonst korrumpiert sie", sagte Seehofer vor 150 Gästen im Regensburger Kulturhaus "Leerer Beutel". Auch in bayerischen Ministerien komme es zu Fehleinschätzungen, räumte er ein. "Die überwiegende Zahl dieser Fehler erfahre ich erst aus den Medien." Daher sei er ein großer Verfechter der Machtkontrolle durch Journalismus.

Wen ein Politiker mal einen Kommentar kritisiert, sei dadurch nicht die Pressefreiheit gefährdet, betonte der CSU-Chef. Vor kurzem hatte Seehofer die Flüchtlings-Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender als realitätsfern bezeichnet. Bedroht sei die Pressefreiheit vielmehr von radikalen Gegnern der Demokratie auf rechter und auch auf linker Seite, meinte er. Den BJV bezeichnete der Ministerpräsident als "wichtigen, altehrwürdigen Verband".

Einen Wunsch hatte Seehofer auch noch an die Journalisten: Ein "bisschen mehr Patriotismus" in so manchem Kommentar würde ihn freuen. Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, nutzte seinen Festvortrag, um die Bedeutung der Europäischen Union zu unterstreichen. Nach vielen Jahren der Kriege sei die EU "ein Wunder" und "das Beste, das Europa passieren konnte". Leider würde heute viel zu sehr über die EU gemault. "Mein Wunsch ist es, dass auch wir Journalisten uns mühen, dieses Wunder zu wahren", sagte Prantl.

Technisch habe sich in der Welt der Medien in den vergangenen Jahrzehnten fast alles geändert, am Wert der Pressefreiheit jedoch nichts. Journalisten müssten Demokratiearbeiter sein, forderte Prantl. Sorgfalt und vor allem Leidenschaft gehörten zum Rezept für eine gute Zukunft des Journalismus. Unkenrufen, die gedruckte Zeitung stehe vor dem Aus, trat Prantl vehement entgegen. "Das ist ein Schmarrn", sagte er. Die einen wollen die Zeitung auf dem Smartphone lesen, die anderen wollen die Zeitung morgens gedruckt vor der Tür liegen haben.

Echtzeitjournalismus


Kritisch sieht der gebürtige Nittenauer den "Echtzeitjournalismus", den das Internet geboren habe. Dieser habe "absurde" Auswirkungen wie die sogenannten Liveticker - die auch etwas vermelden müssen, wenn es gar nichts zu tickern gebe. Das setze sowohl Journalisten als auch Politiker unter Druck und verursache eine "Erregungsspirale".

Am Samstag kamen die BJV-Mitglieder zum Bayerischen Journalistentag im Regensburger Antoniushaus zusammen. Mittags zogen sie in einem Schweigemarsch durch die Stadt, um auf die Situation der Pressefreiheit in Europa, insbesondere in der Türkei, aufmerksam zu machen.
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