Alltag in der Erstaufnahmestelle
Kriegswunden und Händeschütteln

Einen Einblick in den Alltag der Erstaufnahmeeinrichtung gaben (von links) der Arzt Dr. Rainer Beck, Übersetzer Hamid Alhaddu, Eva König ("Campus Asyl"), Moderatorin Angelika Schüdel, Sandra Heinl (Caritas) und Einrichtungsleiter Karl-Heinz Kreuzer. Bild: Gibbs
Politik
Regensburg
25.02.2016
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Über Asylunterkünfte wird viel diskutiert. Aber nur die wenigsten kennen den Alltag in einem Flüchtlingsheim. Im Presseclub berichteten jetzt fünf Männer und Frauen über ihre Erfahrungen in der Erstaufnahmestelle Regensburg - und räumten mit so manchem Vorurteil auf. "Es kommen fast nur junge Männer" - so lautet eine weit verbreitete Annahme. Karl-Heinz Kreuzer, Leiter der Erstaufnahmestelle, kann das nicht bestätigen. Unter den Bewohnern seien sehr viele Familien. 238 der derzeit 760 untergebrachten Flüchtlinge seien Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren.

Krieg und Zerstörung kommen dem Regensburger Allgemeinarzt Dr. Rainer Beck, der die Erstaufnahmeeinrichtung fast täglich besucht, ganz nahe. Er behandelt Bombensplitterverletzungen genauso wie Schusswunden. Oft operiert er noch Kugeln aus den Körpern. 90 Prozent der Flüchtlinge kämen aber wegen alltäglicher Erkrankungen zu ihm. Auch Impfungen stehen auf dem Programm.

Auf keinen Fall müsse man Angst haben, dass Deutschland "mit Tuberkulose überflutet wird", sagte Beck und erzählte eine Anekdote aus seiner Praxis: Eine ältere Patientin, die von Becks Engagement in der Erstaufnahmestelle gehört hatte, machte sich Sorgen, dass ihr Hausarzt Krankheiten aus dem Flüchtlingsheim mitbringen könnte. Beck konnte der Patientin im Gespräch die Ängste nehmen und Verständnis für die Situation der Flüchtlinge wecken - mit dem Ergebnis, dass die Frau eine Menge nützlicher Dinge in der Flüchtlingsunterkunft vorbeibrachte.

Immer neue Gesetze


Wieder andere Sorgen hat Sandra Heinl von der Caritas-Asylberatung, die den Flüchtlingen bei rechtlichen Fragen zur Seite steht: Sie hat täglich mit den Auswirkungen der neuen Asylpakete der Bundesregierung zu kämpfen. "Alle drei Monate müssen wir eine neue Gesetzeslage verinnerlichen." Immer wieder hört Eva König, die sich für die Studentenorganisation "Campus Asyl" ehrenamtlich engagiert, die Frage, ob ihr die männlichen Flüchtlinge wegen ihres muslimischen Glaubens überhaupt die Hand gäben. "Ich schüttele nirgends so oft Hände wie in der Erstaufnahme", erzählte sie lachend. Angst hat sie davor, dass die Stimmung in der Bevölkerung - gerade nach den Übergriffen auf Frauen in der Kölner Silvesternacht - zu Ungunsten der Flüchtlinge kippt.

Hamid kann nicht zurück


Hamid Alhaddu (30) aus Syrien, der selbst zunächst in der Erstaufnahmeeinrichtung landete und dort heute als Übersetzer aushilft, hat schon schlechte Erfahrungen gemacht. Ein Mann habe zu ihm gesagt, er sollte doch zurückgehen, wo er hergekommen ist. "Doch das kann ich nicht, alles ist zerstört." Trotz solcher Begegnungen überwiegt bei Alhaddu die große Dankbarkeit, in Deutschland endlich einen sicheren Ort gefunden zu haben.
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