Das denken Briten in der Oberpfalz über den Brexit
„Ich fürchte, es wird knapp“

Musiker Bob Geldof (Mitte) und Brexit-Gegner auf Segeltörn. Bild: dpa
Politik
Regensburg
17.06.2016
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"Ich habe das Gefühl, Großbritannien ist nur halbherzig dabei, man will die Vorteile der EU, aber möglichst wenig bezahlen." Zitat: Robert Pilz

Viele Briten in der Oberpfalz blicken skeptisch-gespannt auf das EU-Referendum im Königreich. Die Sorge vor einem Austritt ist groß. Aber nicht bei jedem.

Nur noch wenige Tage, dann trifft Großbritannien eine historische Entscheidung: Am Donnerstag wird im Königreich über den Verbleib in der Europäischen Union abgestimmt. Das bewegt freilich auch die Briten, die in der Oberpfalz eine neue Heimat gefunden haben.

Einigermaßen frustriert klingt Robert Pilz aus Weiherhammer (Kreis Neustadt/WN), wenn er auf die Rolle Großbritanniens in der EU angesprochen wird. "Ich habe das Gefühl, Großbritannien ist nur halbherzig dabei, man will die Vorteile der EU, aber möglichst wenig bezahlen", sagt der gebürtige Brite, Sohn eines Deutschen und einer Engländerin.

Denkweise der Insulaner


Die Medien würden ihren Teil zu einer EU-feindlichen Atmosphäre beitragen. Wenn er abends die Internetseiten der britischen Zeitungen liest, sehe er viele inkorrekte Statements und Berechnungen sowie teils eine einseitige, ungerechte Insulaner-Denkweise, berichtet der Elektroingenieur, der bei Siemens in Nürnberg arbeitet und mit seiner Lebensgefährtin in Weiherhammer lebt.

Für den weltoffenen 63-Jährigen, der in 60 Ländern gearbeitet hat, ist eine solches Inseldenken befremdlich. Der Vater zweier erwachsener Kinder hofft weiterhin, dass Großbritannien in der EU bleibt - "dann aber bitte mit vollem Herzen und Elan".

Für den Verbleib in der EU ist auch David Gibbs - allein schon, weil niemand wisse, was passiert, wenn Großbritannien austritt. Der gebürtige Londoner, der heute in Regensburg lebt und bei Krones in Neutraubling arbeitet, hat aber auch persönliche Gründe für seine Haltung. Als einer von Zehntausenden Briten, die im EU-Ausland eine neue Heimat gefunden haben, ist er unsicher, welchen Aufenthaltsstatus er im Falle eines Brexits haben würde. Der 35-Jährige, der zusammen mit einer Deutschen einen einjährigen Sohn hat, hat bewusst vor der Abstimmung die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt, weil er als EU-Bürger bislang dafür nicht die britische Staatsangehörigkeit aufgeben muss. Wie das im Falle eines Brexits künftig geregelt wird, ist unklar - wie so vieles andere.

Richard Robus, Mitarbeiter auf einem Golfplatz bei Regensburg, kann die Argumente der Brexit-Befürworter hingegen gut nachvollziehen. "Meiner Meinung nach funktioniert die EU nicht", sagt der verheiratete Vater zweier Söhne. Als Wirtschaftsgemeinschaft einiger weniger Länder habe die Europäische Union Sinn ergeben, als Verbund von 28 sehr unterschiedlichen Mitgliedsstaaten nicht mehr. "Niemand weiß, wann das nächste Land zusammenbricht", sagt der 47-Jährige, der aus Northampton stammt, in Anspielung auf die Griechenlandkrise.

Zu viel Bürokratie


Brüssel verursache zu viel Bürokratie, zudem seien die Entscheidungsträger nicht demokratisch wählbar. Für viele seiner Landsleute sei auch die Einwanderung ein Grund, gegen die EU-Mitgliedschaft zu stimmen, meint Robus. In den vergangenen Jahren seien sehr viele Polen nach Großbritannien gezogen, es gebe die Sorge, dass im Falle eines Türkei-Beitritts mindestens so viele Türken folgen würden.

Entsetzt ist Silvie Fisch über die Entwicklungen im Königreich. Die gebürtige Regensburgerin, die im nordenglischen Newcastle lebt und arbeitet, hat vor relativ kurzer Zeit noch über das Referendum geschmunzelt. "Keine Frage wie das ausgeht, natürlich bleiben wir drin", dachte sie. In den vergangenen Wochen sei sie dann eher kleinlaut geworden. "Ich fürchte, es wird knapp. Es steht zu befürchten, dass vielen Pro-EUlern die Motivation fehlt, den Weg zur Wahlurne anzutreten, was vor allem den Brexit-Befürwortern zugute kommen wird."

In den Köpfen des britischen Normalbürgers hätten sich zwei Überzeugungen breitgemacht, glaubt Fisch: "Wir finanzieren die EU, dafür befiehlt sie uns, was wir zu tun und zu lassen haben. Alles wird munter in einen Topf geschmissen, die EU ist an allem schuld, an der Wohnungskrise, dem Flüchtlingsproblem, am Verfall des Gesundheitssystems. Und der Austritt löst alle Sorgen."

Ich habe das Gefühl, Großbritannien ist nur halbherzig dabei, man will die Vorteile der EU, aber möglichst wenig bezahlen.Robert Pilz

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