Flüchtlinge besetzen Regensburger Dom [Aktualisierung]
Roma-Familien verbringen ruhige Nacht im Gotteshaus

Im Regensburger Dom haben Flüchtlinge Zuflucht gesucht. Bild: Thomas Schaller
Politik
Regensburg
05.07.2016
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Die Flüchtlinge im Dom protestieren gegen ihre Abschiebung. Bild: bdl
 
Mit einem stillen Protest im Regensburger Dom wehren sich diese Flüchtlinge gegen ihre Abschiebung. Bild: bdl
Von Dirk Johnen, epd, Bettina Dostal und Alexander Pausch

Der Regensburger Dom wird zur neuen Bleibe von Balkan-Flüchtlingen. Das Bistum duldet die Besetzung, versorgt die Menschen mit Essen und Trinken, schafft Schlafmöglichkeiten. Alle sorgen sich vor allem um die vielen Kinder.

Ihre erste Nacht im Gotteshaus verbrachte die Flüchtlinge "ohne besondere Vorkommnisse". Ein Sprecher des Unterstützerkreises sagte am Mittwoch zu epd: "Die Nacht war ruhig, aber für manche etwas kalt." Die Malteser hatten am Dienstag Feldbetten, Decken und Essen für die Roma-Flüchtlinge in den Dom gebracht. "Auf Wunsch des Bistums wird die Polizei im Dom bei den abschiebegefährdeten Personen vorerst nicht eingreifen, obwohl es sich hierbei um kein Kirchenasyl handelt", teilte das Bistum am Mittwochmittag mit. Für die Menschen, die von der Abschiebung bedroht seien, werde die kirchliche Caritas Asylsozialberater bereitstellen, um den Kontakt mit den Betroffenen herzustellen und gegebenenfalls die Einzelfälle zu sichten. "Die liturgischen Feiern und Veranstaltungen im Dom werden durch die geduldete Präsenz dieser Gruppe nicht beeinträchtigt." Ein Sprecher der Demonstranten, der aus Mazedonien kommt, sagte: "alle haben einen Abschiebebescheid bereits erhalten." Viele von ihnen waren zuvor in den bayerischen Rückführungszentren in Bamberg und Manching untergebracht.

Mit einem stillen Protest wollen rund 40 Roma-Flüchtlinge im Dom erreichen, dass sie nicht abgeschoben werden. Die Frauen und Männer, darunter Familien mit Kindern aus Balkan-Staaten, waren am Dienstag mit ihrem Hab und Gut in das Gotteshaus eingezogen. Sie richteten sich im linken Seitenflügel ein. Das Bistum Regensburg duldet den Aufenthalt der Roma und versorgt die Menschen. Auf Transparenten forderten sie ein Bleiberecht für sich: "Alle Roma bleiben hier" oder "Wir sind nicht zu stoppen". Mit der Aktion wollen sie ihre drohende Abschiebung verhindern. Zudem demonstrieren sie gegen die Einstufung mehrerer Balkanländer als sichere Herkunftsstaaten, sagte ein Sprecher.

Kirche hilft Flüchtlingen


Unterstützung bekommen die Roma von der katholischen Kirche. "Die Flüchtlinge dürfen im Dom bleiben", sagte ein Sprecher des Bistums Regensburg am Dienstag. Sie erhielten Essen und Trinken und könnten auch im Dom übernachten. Niemand von ihnen werde weggeschickt. Die Sorge gelte vor allem den zahlreichen Kindern. Auch Sanitäter und Seelsorger sollen sich um die Gruppe kümmern.

Es werde intensiv nach Lösungen gesucht, "die über eine Nacht hinausgehen", fügte der Bistumssprecher hinzu. Die Flüchtlinge hätten um Kirchenasyl gebeten. Die politische Frage sei jedoch auf den entsprechenden Ebenen zu klären. Dom-Besucher und alle anderen Menschen seien aufgerufen, "für das Wohl dieser Menschen zu beten", sagte der Bistumssprecher.

Die Frauen, Männer und Kinder hatten klar gemacht, dass sie solange bleiben wollten, "bis ihre Forderungen erfüllt sind". Unterstützt wird die Gruppe von der Vereinigung "Romano Jekipe Ano" aus Hamburg. Die Flüchtlinge befürchten in ihren Heimatländern Ausgrenzung, Rassismus und Verfolgung.

"Wir werden in der Heimat diskriminiert, unsere Kinder können nicht zur Schule gehen, und schwerkranke Menschen können sich nicht behandeln lassen"Ein Sprecher der Demonstranten.


"Wir können nicht mehr in unseren Verstecken bleiben. Wir können nur unterwegs sein - oder etwas besetzen", erklärten sie in einer Stellungnahme.
Bosnien, Serbien, Mazedonien, Albanien und Montenegro dürften nicht als sichere Herkunftsländer gelten. "Wir werden in der Heimat diskriminiert, unsere Kinder können nicht zur Schule gehen, und schwerkranke Menschen können sich nicht behandeln lassen", sagte ein Sprecher der Demonstranten. Im Dom hielten sich mehr Kinder als Erwachsene auf und zwei Krebspatienten, die dringend medizinische Hilfe bräuchten. Doch allen drohe die Abschiebung. "Wir haben den Dom besetzt, um unseren Kindern eine gute Zukunft zu bauen", sagte der Sprecher. Bischof Rudolf Voderholzer sei persönlich gekommen, um den Flüchtlingen mitzuteilen, dass sie fünf bis sechs Tage im Dom bleiben könnten. Er sei sehr nett gewesen, sagte Isen Asanovski von "Romano Jekipe Ano"..

Polizei wartet ab


Die Polizei sah zunächst keinen Handlungsbedarf, gegen die aus Albanien, Serbien und dem Kosovo stammenden Demonstranten einzuschreiten. Ein Einsatz sei derzeit vom Domkapitel als Hausherr nicht erwünscht, bestätigte ein Polizeisprecher auf epd-Anfrage. "Wir warten ab, wie es weitergeht." Vor dem Dom seien aber Beamte, um die Lage zu beobachten.

KirchenasylIn Deutschland gibt es derzeit mindestens 284 Fälle von Kirchenasyl. Dabei haben mindestens 451 Erwachsene und 108 Kinder in einer katholischen oder evangelischen Kirchengemeinde oder bei einer Ordensgemeinschaft Zuflucht gefunden. Diese Zahlen nennt die Ökumenische Bundesarbeitsgemeinschaft "Asyl in der Kirche" mit Stand 3. Juni. Darunter sind 234 Fälle, in denen Asylbewerber vor der Abschiebung nach dem Dublin-Abkommen in ein Land der Europäischen Union geschützt werden sollen. Es kann weitere Fälle von Kirchenasyl geben, die dem Arbeitskreis nicht gemeldet wurden.

Seit einigen Jahren nehmen die Zahlen wieder zu, weil die Flüchtlingszahlen steigen. Mit dem Kirchenasyl soll Flüchtlingen geholfen werden, die von Abschiebung bedroht sind. Aus dem vierten Jahrhundert ist bekannt, dass Flüchtlinge in Kirchen Schutz suchten. Durch die Entwicklung rechtsstaatlicher Systeme verlor das Kirchenasyl an Bedeutung und wurde meist abgeschafft. Mit dem neuen Kirchenrecht von 1983 gibt es offiziell kein Kirchenasyl mehr.

Wer heute in Deutschland Kirchenasyl gewährt, verstößt gegen geltendes Recht. Kirchen und Politik hielten fest, dass es dabei nicht um die Schaffung eines rechtsfreien Raumes gehe. Die Behörden könnten Flüchtlinge aus Kirchen holen lassen. Für die Kirchen in Deutschland ist das Kirchenasyl ein "Beitrag zum Erhalt des Rechtsfriedens und der Grundwerte unserer Gesellschaft". (paa/KNA)


Lesen Sie den Kommentar von Alexander Pausch "Der Regensburger Dom als Kampfgebiet"

Artikel zum zweiten Tag der Dombesetzung "Dilemma im Dom"
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1 Kommentar
Alexander Unger aus Amberg in der Oberpfalz | 06.07.2016 | 11:46  
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