Irgendwann stellt sich die Frage: daheim oder Heim? - Auftakt zur großen Pflegeserie
Leben im Alter - Gepflegter Abschied

(Foto: dpa)
Politik
Regensburg
26.08.2016
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Deutschlands bekanntester Pflege-Kritiker Claus Fussek spricht von Fließband- und Akkordpflege. Martin Preuß, Leiter der Seniorenresidenz "Am Herzogsschloss" in Sulzbach-Rosenberg, sagt: "Die Beschreibung traf vielleicht vor 20 Jahren zu."

Amberg/Regensburg/Weiden. So verschieden kann man das Gleiche bewerten: Wo Fussek den Daumen senkt, sieht der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) alles im Lot. Was stimmt nun? Die Redaktion hat im Verbreitungsgebiet recherchiert und stellt die Ergebnisse in einer großen Sommer-Serie vor.

Treffen kann es uns alle. Weil die eigene Mutter immer öfter vergisst, die Herdplatte auszuschalten. Weil man an sich selbst feststellt, dass die Selbstständigkeit drastisch abnimmt. Oder weil das eigene Kind das Leben alleine nicht meistern kann. Der Begriff Pflege umfasst die Versorgung von Wachkoma-Patienten nach einem Unfall genau so wie von Jugendlichen mit Handicap, von Alzheimerpatienten bis zu Krebskranken im Endstadium. Und bei steigender Lebenserwartung steigt leider auch das Risiko, im hohen Alter auf Hilfe Fremder angewiesen zu sein.

Schlimmer Zwiespalt


"Es ist ein schlimmer Zwiespalt", sagt Monika Baldauf (74, Name auf Wunsch geändert) aus Regensburg, "wenn man die eigene Mutter gegen ihren Willen in ein Heim bringen muss." Die 95-jährige Gerda Koslowski wurde immer vergesslicher. Und unberechenbar. "Sie hat mich am Tag zehnmal angerufen und gesagt, ,ich habe keine Butter mehr, kein Geld' - obwohl ich den Kühlschrank erst aufgefüllt und Geld für sie abgehoben habe." Sie habe es nicht geglaubt und sei selber losmarschiert. "Dreimal ist sie schwer gestürzt." Im Krankenhaus war man skeptisch ob die Seniorin noch alleine zurecht käme. "Trotzdem haben wir es noch einmal versucht", sagt Baldauf. Doch der Zustand der zunehmend senilen Frau verschlechterte sich. "Sie hat die Haustür sperrangelweit offengelassen, weil sie sich fürchtete. Und mitten in der Nacht das Haus zusammengeschrien." Die Kurzzeitpflege in zwei Regensburger Heimen behielt sie in schlechter Erinnerung. "In einem lag sie stundenlang, ehe jemand nach ihr schaute." Im anderen habe es ständig Konflikte mit den Mitbewohnern gegeben.

"Keine leichte Situation, wenn so viele demente Menschen zusammen wohnen", sieht die Tochter ein. "Aber ich erwarte von Profis, dass sie das besser organisieren - schließlich ging dafür die ganze Rente drauf." Ein Happy-End war Mutter und Tochter nicht vergönnt. Gerda Koslowski starb kurze Zeit später im Krankenhaus. "Natürlich kann es sein, dass sie auch so gestorben wäre", sagt Monika Baldauf. "Aber es bleibt das schlechte Gewissen, dass sie wegen der Heimaufenthalte schneller abbaute." Eine ausweglose Situation für viele Familien: Mit der Pflege eines dementen Angehörigen sind viele überfordert. Dazu kommt, dass diese das oft nicht wollen.


Berta Übelacker, Jahrgang 1920, gefällt es ausnehmend gut im Seniorenzentrum "Am Herzogschloss" in Sulzbach-Rosenberg, nicht nur weil Leiter Martin Preuß ein Charmeur vor dem Herrn ist. "Ich wollte wieder unter Leute kommen", sagt die 96-Jährige, "wir hatten ein Geschäft mit Gemischtwaren und Stricksachen, da war immer viel los."

Bis es nicht mehr geht


"Ich kenne viele Fälle vor allem von Frauen, die ihre Eltern oder Schwiegereltern pflegen, bis es nicht mehr anders geht", schildert Heimleiter Martin Preuß seine Erfahrungen. "Die stehen kurz vor dem Zusammenbruch, weil sie sich Tag und Nacht um ihren Verwandten kümmern." Menschen, die es sich so schwer machten, könnten nur loslassen, wenn sie überzeugt seien: "Da hat es die Mutti, der Vati wirklich besser, da passt alles", weiß Preuß. Woran aber soll der Laie die Qualität einer Einrichtung erkennen - wo er sich noch dazu in einer psychischen Ausnahmesituation befindet? "Es ist eine Kombination vieler Faktoren", sagt Armin Nentwig, Bundesvorsitzender des von ihm gegründeten Vereins Schädel-Hirnpatienten in Not e.V.. Nentwig kennt die Not von Angehörigen und Patienten aus zwei Perspektiven - als Vater eines im Wachkoma liegenden Sohnes und als ehemaliger Landrat, zuständig für öffentliche Pflegeeinrichtungen. "Die Fachleute sind sich einig", zählt Nentwig auf, "die Note des MDK ist nur ein Mosaikstein, genauso wichtig sind persönliche Eindrücke vor Ort."


Persönlicher Eindruck

  • Wie freundlich ist das Personal - vom Chef bis zur Putzfrau?
  • Ist das Bemühen zu erkennen, das Haus freundlich zu gestalten, oder wirkt alles steril?
  • Sehen die Zimmer aus wie im Krankenhaus, oder sind sie mit Erinnerungen der Bewohner gestaltet?
  • Wie ist die Laune der Bewohner - wirken sie aufgeschlossen oder ängstlich?
  • Legen die Pfleger ihre eigene Lieblingsmusik auf oder die ihrer Gäste?
  • Riecht es angenehm oder nach Desinfektionsmittel, die unangenehme Gerüche übertünchen?


"Gute Atmosphäre ist genauso wichtig wie fachlich kompetente Betreuung, sagt Preuß, der nicht verheimlicht, dass gutes Management eines Pflegeheimes oft der Quadratur des Kreises gleich kommt: "Der Personalschlüssel hängt davon ab, welche Pflegestufen ich habe." Bei niederschwelliger Einstufung reichten 2 Pflegekräfte auf 35 Bewohner. "Es kann aber auch sein, dass ich 4 brauche." Ein ständiges Ringen mit den Behörden um die bestmögliche Versorgung seiner Gäste.




Pflege-Monitoring von "Correctiv"


Essen. "Correctiv", das erste gemeinnützige Recherchezentrum Deutschlands, hat die Pflegeheime des Landes unter die Lupe genommen - mit zum Teil wenig schmeichelhaften Ergebnissen für Bayern:

Das bereitet Schmerzen:

Die Daten zeigen, dass Bayern mit Abstand den höchsten Anteil an Pflegeheimen hat, die in der Kategorie "Schmerzen" nicht die volle Punktzahl geholt haben. Fast jedes zweite Pflegeheim hat offenbar in diesem Bereich Probleme.

Zu viele Mehrbettzimmer: 50 der Top 100 Landkreise, in denen der Anteil der Mehrbettzimmer am höchsten ist, liegen in Bayern. Ein Indiz für alte und nicht mehr zeitgemäße Pflege. Einige Bundesländer führen in den kommenden Jahren eine Einzelzimmer-Quote ein. Entsprechende Pflegeheime müssen kostenintensiv umbauen.

Schlecht ausgebildet? 40 der Top 100 Landkreise, in denen der Anteil an nicht ausgebildeten Pflege-Arbeitskräften (87b-Kräfte) besonders hoch ist, liegen in Bayern. In der Spitze ist fast jede zehnte Arbeitskraft nicht qualifiziert. Der Anteil an Voll- bzw. Teilzeit-Arbeitskräften schwankt zwischen Landkreisen und Bundesländern extrem. In vielen Landkreisen in Bayern herrscht ein hoher Anteil an Vollzeit-Kräften. Landkreise in Niedersachsen und Baden-Württemberg haben einen hohen Teilzeit-Kraft-Anteil.


Schwäbische Pflegeflüchtlinge: Helga und Ulrich Larm haben sich samt Hund im westböhmischen Žihle niedergelassen.

Positiv dagegen:

Bayern bildet aus: In bayrischen und nordrhein-westfälischen Landkreisen werden die meisten Pfleger ausgebildet. Grundsätzlich lässt sich angesichts des Pflegenotstands sagen: Je mehr Azubis, desto besser.

Hier geht es zum Pflege-Wegweiser von "Correctiv".

In den nächsten Tagen stellt die Redaktion Fakten; Zahlen und Reportagen rund um das Thema Pflege zusammen. Wer selbst Anregungen beitragen möchte, wendet sich bitte an juergen.herda@derneuetag.de


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