Leben nach der Flucht
Integration verlangt Geduld

Die syrische Flüchtlingsfamilie Al Ali steht am Ortsschild von Mangolding (Kreis Regensburg). Nach einer Odyssee durch den Libanon, über die Türkei und die Balkanroute lebt die Familie nun in der Oberpfalz. Bild: dpa
Politik
Regensburg
23.12.2015
162
0

Mit einem wenige Tage alten Säugling und drei Kindern flieht Walid aus Damaskus. Vier Jahre ist das her. Nun lebt er in der Oberpfalz. Dort ist die Integration aber noch schwierig.

Mangolding. Vier Jahre hat die Flucht der Familie Al Ali aus Syrien gedauert. Vater Walid gehörte 2011 zu den ersten Syrern, die in Damaskus für Frieden und gegen Machthaber Baschar al-Assad demonstriert hatten. Als das Regime mit Panzern anrollte und mit Reizgas und Schüssen gegen die Menschen vorging, flüchtete er aus dem zuvor gesicherten, schon fast situiertem Leben mit einer großen Eigentumswohnung und eigenem Auto.

Ziel ist zunächst der Süden, wo die Familie seiner Frau lebt, dann der Libanon. Die angesparten etwa 30 000 Dollar (gut 27 000 Euro) waren schnell aufgebraucht. Walid flüchtet alleine nach Istanbul und arbeitet dort eineinhalb Jahre, um Pässe für seine Familie zu bekommen. "Aber wir hatten keine Zukunft in der Türkei, wir mussten weiter, nach Griechenland", erklärt Walid.

Endstation Passau


Über Mazedonien und Kroatien kommt die Familie schließlich nach Österreich. In Wien kauft er von seinem letzten Geld Zugtickets nach Regensburg, wo sein Bruder lebt. In Passau endet im Oktober jedoch die Reise. Wie alle Flüchtlinge werden auch die Al Alis von der Bundespolizei aus dem Zug geholt. Nach einigen Tagen in Notunterkünften in Passau und Leipzig kommen sie aber schließlich doch nach Regensburg.

Seit Ende November lebt die Familie in Mangolding. Sie ist froh und dankbar, endlich angekommen zu sein, in Frieden zu leben. Ihr Glück hat sie aber noch nicht gefunden. "Es ist gut, dass wir ein Haus für uns alleine haben. Aber wir sind weit weg von Regensburg. Dort lebt mein Bruder", sagt Walid in fließendem Englisch. Der 38-Jährige kann bereits einige Worte Deutsch, will aber noch mehr lernen und arbeiten. Vieles geht ihm zu langsam. Er kann nicht verstehen, warum er nicht in Regensburg bleiben durfte. In dem Mintrachinger Ortsteil leben gut 340 Menschen, eine Zugverbindung gibt es nicht. Zum Arzt fahren die Al Alis oft mehrere Kilometer mit dem Fahrrad. Nach einer Woche hatte die Familie noch keinen Kontakt zu den Nachbarn, die Kinder spielen viel im Haus und langweilen sich. Zudem gibt es kein Internet.

Kinder in die Schule


Die Bürgermeisterin von Mintraching bittet um Geduld, weil die Al Alis die erste Flüchtlingsfamilie in dem Ort ist, die länger bleiben wird. "Der wichtigste Schritt ist nun, die Kinder in die Schule zu bringen", sagt Angelika Ritt-Frank (SPD). Das Problem sei jedoch, dass die Kapazitäten der meisten Übergangsklassen erschöpft seien. Während der vierjährige Mohamed Bakr bereits zum Schnuppern in einem Kindergarten war, soll die achtjährige Sham in einer Übergangsklasse in Neutraubling unterkommen. "Die beiden 14 Jahre alten Zwillinge kommen wohl nach den Weihnachtsferien in eine Schule in Regensburg", betont Ritt-Frank. Inzwischen hat die Bürgermeisterin einen Helferkreis von 20 Menschen aktiviert. Neben Deutschunterricht könnten die Helfer auch bei Fragen im Alltag unterstützen. "Die Familie ist bereits zum Plätzchenbacken eingeladen worden. Und einige Helfer haben Fahrdienste übernommen", erläutert Ritt-Frank. Sie ist überzeugt, dass die Integration klappen wird. Walid will arbeiten und nicht lange von staatlichen Hilfen abhängig sein. Die Langeweile zu Hause bedrückt den Mann. Und irgendwann, wenn in Syrien wieder Frieden herrscht, will er auch zurück.
Weitere Beiträge zu den Themen: Flüchtlinge (1361)Syrien (179)Integration (145)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.