Pater Clemens über die Gier im Kleinen
Sind wir alle ein wenig Panama?

Der Pater mit dem Faible für seinen curryfarbenen R4: "Ich muss mir einen neuen Rahmen besorgen, den Wagen auseinandernehmen und wieder zusammensetzen", lacht er. Clemens ist ein Musterbeispiel für Ressourcenschonung, aber "bitteschön kein Heiliger", wehrt sich der Panama-Gier-Kritiker gegen jegliche Verklärung. Bild: Herda
Politik
Regensburg
04.04.2016
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Wäre die Welt wie Pater Clemens, man müsste sich keine Sorgen um sie machen. Der Kapuziner kennt kein Oben oder Unten, er kennt kein Sie, nur du, er kennt keinen Besitz, nur das Teilen - ein Gegenentwurf zur "Panama"-Gier.

Von Jürgen Herda und Alexander Rädle

Rund 9500 Kilometer westlich sieht die Welt ganz anders aus. In Panama-City logiert die Kanzlei Mossack Fonseca, die Präsidenten und Diktatoren, Weltfußballern und Drogenbaronen, Waffenhändlern und Steuerbetrügern geholfen haben soll, Geld in Scheinfirmen zu parken.

Enthüllungen wie diese überraschen den bodenständigen Pater nicht: "Das ist typisch für unsere Gesellschaft", sagt der gebürtige Zwittauer (Svitavy in Nordmähren). Vor 30 Jahren entschloss sich der Kapuziner-Mönch, die Klostermauern zu verlassen. "Es ging mir wie Petrus auf einem Bild. Es ist Sturm und ich will raus zu den Menschen." Clemens, mit weltlichen Namen Habiger, ist sich nicht selbst genug. Seine Welt ist nicht das stille Gebet. Er versteht seinen Glauben als Auftrag, allen zu helfen, die in Not geraten: Häftlingen, Obdachlosen, Drogenabhängigen.

Spiel um Macht und Geld


"Dass die Welt läuft, wie sie läuft, ist kein Naturgesetz", sagt er. "Es ist ein Spiel um Macht und Geld." Der Mann, der zuhören kann, hat schon viele in Regensburger U-Haft erlebt, die ihm sagten: "Mensch, wie blöd war ich? Ich habe immer versucht, mehr Geld zu scheffeln und meine Familie vernachlässigt." Ein bekannter Unternehmer habe ihm kürzlich anvertraut: "Hier im Knast zählt kein Auto, kein Haus, nur der nächste Brief, der nächste Besuch."

Im Vergleich zur Panama-Connection erscheint manchem Gefangenen sein Vergehen wie eine Lappalie. "Was ist mein Diebstahl gegen diesen kapitalen Betrug?", sieht Clemens durch das Verhalten der Mächtigen den Wertmaßstab relativiert. "Die Großen machen die Spielregeln." Politik sei für die meisten keine Herzensangelegenheit: "Es ist ein Geschäft, und warum sollte er nicht davon profitieren?" Trotz seiner Fundamentalkritik ist der "Gutmensch" alles andere als ein Hassprediger: Er verdammt die da oben nicht.

"Von heute auf morgen werde ich kein großer Gauner", fasst er uns alle an die Nase, "es geht im Kleinen an." Kleine bescheißen ein bisschen, Große haufenweise. "Die Gier geht schon los, wenn wir in Flüchtlingen nicht zuerst den Menschen in höchster Not sehen, sondern eine Bedrohung meines Wohlstandes."

Der Zahltag kommt


Für Christen ein No-Go. Gerade in so einer Situation, wäre es Aufgabe der Politiker, die Lage zu beruhigen, statt Ängste zu schüren. "Aber sie machen alles im Sinne der Stimmenmaximierung." Clemens' Anliegen sei es nicht, aufs Paradies zu warten, sondern die Welt zu verändern. Jesu Botschaft sieht er als Auftrag, sich einzumischen "So, wie wir leben, Energie verschwenden, aber glauben, der Atommüll entsorgt sich von alleine, Ressourcen auf Kosten der armen Länder verschwenden, aber glauben, die würden das immer still erdulden - das ist falscher Glaube."

Der Zahltag kommt, das wisse jeder mit gesundem Menschenverstand. In diesem Sinne sind wir alle ein wenig Panama.

Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung


Regensburg. Für Steuerhinterziehung sind die Finanzbehörden zuständig, die Hauptzollämter übernehmen Ermittlungen bei Schwarzarbeit und bei Verstößen gegen den Mindestlohn. Der Pressesprecher des Hauptzollamtes Regensburg, Michael Lochner, bezifferte die abgeschlossenen Verfahren im Jahr 2014 auf 1350. Die Schadenssumme dabei: 10 Millionen Euro.

Die Hauptzollämter arbeiten eng mit den Steuerfahndern der Finanzbehörden zusammen. "Wenn wir feststellen, dass Steuern hinterzogen werden, geben wir das weiter." Das wäre etwa der Fall, wenn ein Unternehmer sich Rechnungen "schwarz" zahlen lässt und mit dem Geld Beschäftigte "schwarz" zahlt. Auch wenn in manchen Branchen Schwarzarbeit öfter vorkommt, etwa am Bau oder in der Gastronomie, gebe es illegale Beschäftigung in allen Branchen. (räd)

Viel kriminelle Energie dahinter
Robert Beer, Fondsmanager aus Parkstein, vermutet, dass viele gar nicht wissen, wie ihr Geld angelegt ist. Die meisten Wohlhabenden überließen ihre Geldgeschäfte Beratern, die das Vermögen oft steuermindernd anlegten. Deutsche Banken hätten ihre Ausrichtung inzwischen geändert. "In Deutschland ist mit den Steuer-CDs viel in Gang gekommen." Etliche Institute hätten ihre Filialen, etwa in Luxemburg, geschlossen.

Die steuermindernde Geldanlage sei ein Geschäft. Selbst seriöse europäische Großbanken hätten eigene Abteilungen, die darauf spezialisiert seien. "Da arbeiten kluge Juristen." Deren Aufgabe: Sie entwerfen Konzepte, um das Vermögen der Kunden möglichst gewinnbringend, möglichst anonym und möglichst steuervermeidend anzulegen. "Da steckt viel kriminelle Energie dahinter", erklärt Robert Beer. (räd)

Das sagt ...


... der Sparkassen-Chef

Werner Dürgner, Vorstandsmitglied bei der Sparkasse Amberg-Sulzbach, erklärt: "Wir bieten so etwas nicht an." Anlage-Modelle über Briefkasten-Firmen in Steueroasen - das verbiete schon die Sparkassen-Philosophie. "Mit unserer Geschäftspolitik ist das nicht zu vereinbaren." Kunden, die entsprechende Produkte wünschten, schicke die Bank weiter. Auch andere Sparkassen und die Genossenschaftsinstitute verhielten sich nach Dürgners Erfahrung so. "Ich will zwar nicht ausschließen, dass es die eine oder andere Sparkasse in Deutschland gibt - aber mir ist kein einziger Fall bekannt." Gleichzeitig unterstreicht er: "Ím Ausland Geld anzulegen ist nicht verboten, solange man es versteuert." (räd)

Mit unserer Geschäftspolitik ist das nicht zu vereinbaren.Werner Dürgner, Vorstandsmitglied bei der Sparkasse Amberg-Sulzbach


... der Gewerkschafter

Udo Hartl, Gewerkschaftssekretär für den Fachbereich Finanzdienstleistungen bei der Gewerkschaft Verdi in Regensburg, appelliert an die Vorbild-Rolle exponierter Personen. Es sei eine merkwürdige Denkweise mancher Reicher, dass man Geld auf verschlungenen Wegen verstecken will, kritisiert er. "Es ist nicht akzeptabel, dass Menschen, die bei uns Infrastruktur, zum Beispiel Straßen oder Bildungseinrichtungen, nutzen, nicht bereit sind, etwas zurückzugeben." Besser wäre es, "Geld an Beschäftigte weiterzugeben, statt es aus Gier in Sicherheit zu bringen". Vor allem Unternehmen hätten ihr Vermögen ohne die Mitwirkungen von Arbeitnehmern ja nicht erwirtschaften können, meint Hartl. (räd)


Besser wäre, Geld an Beschäftigte weiterzugeben, statt es aus Gier in Sicherheit zu bringen.Udo Hartl, Verdi-Gewerkschaftssekretär



... der Fondsmanager

Für Robert Beer , Fondsmanager Robert Beer aus Parkstein (Kreis Neustadt/WN), sind die "Panama Papers" keine Überraschung. Es freue ihn, dass das Konstrukt aufgedeckt wurde. Die Stellung von korrupten Diktatoren und Machthabern, die ihre Länder ausbeuteten, werde geschwächt. Für "fatal" hält Beer jedoch, dass Menschen wie der angesehene argentinische Star-Fußballer Lionel Messi verstrickt sein sollen. "Die haben ein Geschenk Gottes, werden von den Menschen geliebt ... Da kann ich nur den Kopf schütteln." Beer darf zwar nicht steuerlich und rechtlich beraten. Er gebe seinen Kunden aber einen persönlichen Rat: "Versteuert euer Geld dort, wo ihr lebt. Alles andere bringt nur Probleme." (räd)

Versteuert euer Geld dort, wo ihr lebt. Alles andere bringt nur Probleme.Robert Beer, Fondsmanager aus Parkstein


... der CSU-Politiker

Reiner Meier , CSU-Bundestagsabgeordneter aus Tirschenreuth erklärt: "Die in Panama ans Licht gekommenen Briefkastenfirmen sollen offenbar größere Vermögen vor dem Fiskus verschleiern. Das ist anrüchig und mindestens erklärungsbedürftig." Zur Steuergerechtigkeit gehöre für ihn auch, dass sich niemand der Steuerpflicht entziehen könne. "Steuerhinterziehung ist kein Kavaliersdelikt, sondern muss konsequent aufgedeckt und verfolgt werden." Er hält es deshalb für wichtig und richtig, dass sich die Bundesregierung auch international für eine enge Zusammenarbeit einsetzt. Der im kommenden Jahr startende automatische Informationsaustausch werde den Druck auf Steueroasen massiv erhöhen. (räd)

Das ist anrüchig und mindestens erklärungsbedürftig.Reiner Meier, CSU-Bundestagsabgeordneter aus Tirschenreuth


... der SPD-Politiker

Uli Grötsch , SPD-Bundestagsabgeordneter aus Waidhaus, sagt: ."Es überrascht mich ausdrücklich nicht, dass die Gier derjenigen, die ein zigfaches des Normalbürgers haben, unstillbar ist." Das zeigt nur, "wer die wirklich gefährlichen Flüchtlinge sind". Die Panama-Connection sei nur ein kleiner Ausschnitt: Extrem großes Kapital werde der Wertschöpfung entzogen: "Die Superreichen stehlen sich aus der Verantwortung für die Länder, in denen sie leben." Nach derzeitigem Kenntnisstand sei zwar unter den Betroffenen aus Politik, Wirtschaft oder Sport kein deutscher Politiker dabei. Wenn einer dabei sein sollte, "ist mir egal, aus welcher Partei: Wer sich so verhält, ist asozial".

Mir ist egal, aus welcher Partei: Wer sich so verhält, ist asozial.Uli Grötsch, SPD-Bundestagsabgeordneter


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